Auch ein Blick auf die Bilanz der US-Steuerreform von 2017 bestätigt dieses Bild: Die konjunkturellen Impulse aus der dortigen Steuersenkung um 14 Prozentpunkte reichten lediglich aus, um etwa 15 Prozent der Mindereinnahmen zu kompensieren – der Großteil der Ausfälle blieb als strukturelles Defizit bestehen(Kennedy et al. 2022). Laut Internationalem Währungsfonds stiegen vor allem die Nachsteuergewinne, insbesondere in Märkten mit hoher Unternehmenskonzentration, während reale Wachstumsimpulse ausblieben(Kopp et al. 2019). Für Deutschland schätzt eine aktuelle Modellanalyse des Instituts der deutschen Wirtschaft(IW) die mögliche Wachstumswirkung der 2025 umgesetzten Steuersenkungen mit dem Ergebnis, dass eine schrittweise Senkung des Körperschaftsteuersatzes um fünf Prozentpunkte selbst in dieser optimistischen Schätzung nach zehn Jahren lediglich zusätzliche Investitionen von 10,2 Milliarden Euro bringen und das Wachstum um 0,16 Prozent steigern würde. Trotz des zusätzlichen Wachstums würden die Steuereinnahmen aber um 17 Milliarden Euro im Jahr niedriger ausfallen. Der Selbstfinanzierungseffekt läge damit bei lediglich 20 Prozent(IW Köln 2024). Mögliche negative Folgewirkungen aus sinkenden Staatseinnahmen – z. B. Kürzungen bei öffentlichen Investitionen oder Steuererhöhungen an anderer Stelle – bleiben dabei noch völlig unberücksichtigt. 2.3 Die Wirkung von Steuersenkungen auf Beschäftigung& Löhne Befürworter_innen niedriger Unternehmenssteuern argumentieren häufig, dass solche Maßnahmen zu steigenden Löhnen führen. Die empirische Evidenz stützt diese These allerdings nur eingeschränkt. Studien zeigen zwar, dass ein Teil der Körperschaftsteuer wirtschaftlich auf die Beschäftigten übergeht – doch der Effekt auf die Löhne ist insgesamt moderat und vor allem ungleich verteilt. Eine umfassende Metaanalyse auf Basis von 16 Primärstudien zeigt: Wird der Publikationsbias berücksichtigt, führt ein Anstieg des Körperschaftsteuersatzes um einen Prozentpunkt im Schnitt lediglich zu einem Lohnrückgang von etwa 0,11 Prozent bis 0,24 Prozent. Das deutet darauf hin, dass auch umgekehrt – bei Steuersenkungen – nur geringe Lohnzuwächse zu erwarten sind(Knaisch/Pöschel 2021). Eine aktuelle Paneldatenanalyse zeigt außerdem: Länder mit höheren Unternehmenssteuern und effektiver Steuerdurchsetzung erzielen im Schnitt bessere wirtschaftliche Ergebnisse, höhere Löhne und eine höhere Beschäftigungsqualität(Public Services International 2025). In den USA führte die Steuerreform von 2017(Tax Cuts and Jobs Act) zwar zunächst zu moderaten Lohnzuwächsen, diese entfielen jedoch fast ausschließlich auf Führungskräfte und das oberste Einkommensdezil innerhalb der Unternehmen. Für die übrigen 90 Prozent der Beschäftigten blieb das Einkommen unverändert(Kennedy et al. 2023). Eine aktuelle Studie findet außerdem keine empirischen Hinweise darauf, dass durch Unternehmenssteuersenkungen bedingte Steigerungen des verfügbaren Einkommens der gesellschaftlichen Oberschicht zu nennenswerten Einkommensverbesserungen der Mittel- und Unterschicht geführt haben(sogenannter Trickle-Down-Effekt, vgl. Kindsgrab 2022). Schließlich zeichnet selbst die oben beschriebene optimistischste Berechnung des IW Köln ein ernüchterndes Bild der zu erwartenden Arbeitsmarktwirkung: Demnach schafft eine Senkung des Körperschaftsteuersatzes um fünf Prozentpunkte nach zehn Jahren lediglich 13.900 zusätzliche Arbeitsplätze – wiederum ohne mögliche negative Folgen auf den Arbeitsmarkt durch gegebenenfalls ausbleibende öffentliche Investitionen oder Steuererhöhungen zu berücksichtigen(IW Köln 2024). 2.4 Ursachen für die geringen Effekte der Steuersenkungen Mehrere Faktoren sind dafür verantwortlich, dass Unternehmenssteuersenkungen nur geringe Wachstumseffekte haben – und folglich auch die Senkung der Körperschaftsteuer ab 2028 keine nennenswerten Wachstumseffekte in Deutschland haben wird. 1. Fehlende Nachfrage und negative Effekte auf Staatsausgaben: In Zeiten globaler Unsicherheit oder schwacher Nachfrage bleibt Kapital trotz höherer Nachsteuergewinne oft ungenutzt. Fiskalische Impulse über Staatsausgaben wirken in rezessiven Phasen deutlich stärker, weil sie die Nachfrage direkt stützen – und damit erst die Voraussetzungen schaffen, unter denen Unternehmen überhaupt bereit sind zu investieren(Gechert/Rannenberg 2018; Matvejevs/Tkacevs 202). 2. Andere strukturelle Investitionshemmnisse: Die Bedeutung von Unternehmenssteuern für Standortentscheidungen wird in der politischen Debatte häufig überschätzt. Untersuchungen, die den Einfluss von Steuern nicht isoliert betrachten, sondern in Relation zu anderen Standortfaktoren setzen, kommen zu dem Ergebnis, dass Aspekte wie eine leistungsfähige Infrastruktur, der Zugang zu qualifizierten Fachkräften, ein innovationsfreundliches Umfeld sowie effiziente und verlässliche Verwaltungsprozesse für Unternehmen oftmals eine deutlich größere Rolle spielen als das steuerliche Niveau (Bui et al. 2025). Auch der Global Competitiveness Index des World Economic Forum, der die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern vergleicht, misst der Höhe von Steuern nur nachrangige Bedeutung zu. Steuern werden dabei nicht als eigenständiger Wettbewerbsfaktor bewertet. Steuern fließen in der Bewertung lediglich indirekt über makroökonomische und institutionelle Indikatoren ein (World Economic Forum 2019). Das heißt, wenn strukturelle Investitionshemmnisse bestehen – etwa regulatorische Unsicherheit, Arbeitskräftemangel, marode VerWohlstand für alle! 9
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Wohlstand für alle! : sind niedrigere Unternehmenssteuern die Lösung oder Teil des Problems?
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