kehrs- und Energieinfrastruktur oder hohe Energiepreise – wirken steuerliche Entlastungen nur begrenzt. Solche Hemmnisse lassen sich nicht durch niedrigere Steuern kompensieren. Deswegen entfalten Unternehmenssteuersenkungen keinen oder nur einen sehr geringen Effekt auf reale Investitionen(LBBW 2025; Scheuermeyer 2025). Deutsche Unternehmen haben durch die Steuersenkungen der Vergangenheit bereits große Gewinnrücklagen aufgebaut. Weitere Steuersenkungen dürften an der fehlenden Investitionsbereitschaft wenig ändern. 3. Fehlende Zielgenauigkeit und Mitnahmeeffekte: Laut Körperschaftsteuerstatistik entfallen rund 90 Prozent der steuerpflichtigen Gewinne auf das profitabelste Zehntel der Unternehmen. 4 Entsprechend käme eine Körperschaftsteuersenkung vor allem diesen wenigen Unternehmen zugute, die häufig bereits sehr hohe Gewinnrücklagen gebildet haben, aber trotzdem nicht investieren(Giovanazzi/Victor 2024). Hinzu kommt, dass der reduzierte Steuersatz – anders als Abschreibungserleichterungen oder Investitionszulagen – unabhängig davon greift, ob ein Unternehmen realwirtschaftlich Investitionen tätigt. Steuerlich macht es also keinen Unterschied, ob zusätzliche Gewinne in Deutschland investiert, als Liquiditätsreserve gehalten, im Ausland oder am Kapitalmarkt angelegt, für Aktienrückkäufe und höhere Ausschüttungen verwendet oder zur Schuldentilgung eingesetzt werden. Auch deshalb ist der Effekt der Steuersenkungen auf die Investitionen gering. Bei den Ausschüttungen kommt hinzu, dass ein erheblicher Teil an Anteilseigner_innen im Ausland sitzt: Mindestens 52,6 Prozent der DAX-Aktien befinden sich in ausländischem Besitz, nur 33,1 Prozent gehören Inländer_innen. 5 Diese Mitnahmeeffekte mindern die gesamtwirtschaftliche Wirksamkeit der Steuerentlastung. Illustrieren lassen sich diese Mitnahmeeffekte an zwei Beispielen: So hat BMW seit 1999 mehr als 90 Milliarden Euro Gewinnrücklagen angehäuft und zuletzt einen Gewinn von 11 Milliarden Euro vor Steuern erwirtschaftet. Die zusätzliche Steuersenkung würde den Nachsteuergewinn von BMW zum heutigen Zeitpunkt schätzungsweise um weitere 250 Millionen Euro pro Jahr erhöhen. 6 Auch die vier großen Digitalkonzerne(Microsoft, Apple, Meta und Alphabet) würden – trotz der umfangreichen Gewinnverschiebung – bei einer Körperschaftsteuersenkung um fünf Prozent schätzungsweise 50 Millionen Euro einsparen, ihr effektiver Steuersatz auf deutsche Gewinne würde unter drei Prozent sinken. Im Vergleich zu den ohnehin sehr hohen Gewinnen und Gewinnrücklagen entsteht dadurch kein spürbarer Investitionsanreiz. Auf der anderen Seite unterliegen kleine und mittlere Unternehmen sowie Kleingewerbetreibende oft nicht einmal der Körperschaftsteuer und weisen im Schnitt deutlich niedrigere Gewinne aus. Auch für innovative Unternehmen und zukunftsorientierte Unternehmen, die derzeit noch keine Gewinne erzielen, bleibt die Steuersenkung zunächst wirkungslos. Insgesamt zeigt sich, dass Unternehmenssteuersenkungen ein teures und ineffizientes Instrument zur Förderung von Wachstum und Investitionen sind, das auch künftig nur geringe Wachstumseffekte erwarten lässt. 2.5 Verteilungswirkung von Unternehmenssteuersenkungen Während Unternehmenssteuersenkungen im besten Fall nur geringe Auswirkungen auf Wachstum, Investitionen und Arbeitsplätze haben, sind die verteilungspolitischen Wirkungen eindeutig negativ. Eine groß angelegte Studie von Hope und Limberg(2022) zu Steuersenkungen in 18 OECD-Ländern zwischen 1965 und 2015 belegt: Die Steuersenkungen hatten keinen nachweisbaren Einfluss auf das Wirtschaftswachstum oder die Arbeitslosigkeit, führten aber zu einer Zunahme der Einkommensungleichheit (Hope/Limberg 2020; OECD 2015). Da wie ausgeführt Steuersenkungen auf Unternehmensgewinne nicht zu höheren Investitionen, sondern zu höheren Nachsteuergewinnen führen, profitieren von ihnen vor allem Unternehmensinhaber_innen und Anteilseigner_innen großer, rentabler Unternehmen. Eine Analyse im Auftrag der brasilianischen G20-Präsidentschaft zeigt zudem, dass niedrige Steuern auf Unternehmensgewinne weltweit dazu führen, dass der effektive Steuer- und Abgabensatz für Superreiche auch niedriger ausfällt als für durchschnittliche Angestellte(Zucman 2024). Auch für Deutschland zeigen Fallanalysen und Modellrechnungen, dass sehr reiche Menschen im Verhältnis zu ihrem tatsächlichen Einkommen niedrigere effektive Steuersätze zahlen, weil sie einen Großteil ihrer Gewinne nicht direkt versteuern, sondern in ihren Unternehmen oder Vermögensverwaltungsgesellschaften steuerbegünstigt ansparen können(Jirmann/Trautvetter 2024). Schätzungen zufolge entfallen in Deutschland fast 90 Prozent der Entlastungen durch Unternehmenssteuersenkungen auf die einkommensstärksten zehn Prozent – und ganze 70 Prozent auf das reichste eine Prozent der Bevölkerung(Bach 2025). Auch als Folge der Steuersenkungen hat die Einkommensungleichheit daher zuletzt stark zugenommen. Bezogen die unteren 50 Prozent 1995 noch 25,91 Prozent des Nationaleinkommens, waren es 2017 nur noch 13,48 Prozent. Im gleichen Zeitraum nahm der Anteil des obersten Prozents von 21,0 Prozent auf 29,76 Prozent zu(Eichfelder 2025). 4 Eigene Berechnungen mit der Körperschaftsteuerstatistik 2020; Tabelle 73211-07(Destatis 2025c). 5 Rund 14,3 Prozent sind statistisch nicht zuordenbar(z. B. bei Fonds ohne bekannte Endinvestor_innen) und dürften teils ebenfalls im Ausland liegen, sodass der reale Auslandsanteil wohl über 52,6 Prozent liegt(vgl. EY 2025). 6 Der deutsche Anteil der Gewinne wird hier anhand des Mitarbeiteranteils(56,5 Prozent) und des Anteils der langfristigen Vermögenswerte in Deutschland(43,3 Prozent) auf etwa 50 Prozent geschätzt. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Wohlstand für alle! : sind niedrigere Unternehmenssteuern die Lösung oder Teil des Problems?
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