4 FES-Analyse: Die Türkei 2003 Ergebnis der Parlamentswahlen vom 3. 11. 2002 Parteien AKP(religiös-konservativ) CHP(sozialdemokratisch) DYP(bürgerlich-konservativ) MHP(nationalistisch) GP(national-populistisch) DEHAP(prokurdisch) AnaP(bürgerlich-liberal) SP(traditionell-islamistisch) DSP(national-sozialdemokratisch) YTP(sozialdemokratisch) Andere Unabhängige Stimmenanteile in% 34,28 19,39 9,54 8,36 7,25 6,22 5,13 2,49 1,22 1,15 3,97 1,00 Sitze 363 178 0 0 0 0 0 0 0 0 0 9 In erster Linie spiegelt das Wahlergebnis die allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der bisherigen Regierung und den etablierten Parteien der rechten und linken Mitte wider. Zwar sind in der Türkei Wählerwanderungen von 20 Prozent pro Wahl durchaus im Rahmen des Üblichen, diesmal waren es jedoch annähernd 40 Prozent, die den regierenden Parteien den Rücken kehrten und neuen bzw. nicht im Parlament vertretenen Parteien ihre Stimmen gaben. Die Regierung bekam damit die Quittung für die schlimmste Wirtschaftskrise seit 1945, deren Hauptlast die türkische Mittelschicht zu tragen hatte. Die Wirtschaftskrise, die im Februar 2001 aufgrund einer Auseinandersetzung zwischen führenden Politikern der DSP und Staatspräsident Necdet Sezer um Korruptionsfälle im Bankenwesen und deren Verquickung mit der politischen Elite ausgebrochen war, kostete viele Bürger ihre wirtschaftliche Existenz. Außerdem konnten aufgrund der Reformen im Rahmen des IWF-Sanierungsplans nicht wie bei vorangehenden Wahlen aus der Staatskasse finanzierte wirtschaftliche und finanzielle Wahlgeschenke verteilt werden. Jedoch lässt sich mit der Wirtschaftskrise allein der Sturz der DSP von 22,6 Prozent in 1999 auf jetzt 1,22 Prozent nur zum Teil erklären. Allgemein hatte sich schon seit längerem das Vertrauen der Bevölkerung in die bisherige politische Elite aufgebraucht, die, in zahllose Korruptionsskandale verwickelt, durch politische Machtspiele und persönliche Konkurrenzkämpfe ihre Legitimation verspielt hatte. Bei der DSP kommt noch hinzu, dass Ecevit trotz Krankheit und Alter nicht Willens war, zugunsten einer funktionsfähigen Regierung abzutreten und eine neue Generation ans Ruder zu lassen. Parteien waren in der Regel eng mit dem Staat verflochten und keine Kanäle gesellschaftlicher Partizipation. Ihr politischer Gestaltungsspielraum war darüber hinaus stark vom Militär beschränkt. Insofern ist der Erfolg der AKP auch eine Art von Protest und Ausdruck des Wunsches vieler Türken nach mehr Freiheit und Offenheit im politischen Prozess. Keinesfalls ist die AKP an die Macht gewählt worden, weil ihre Anhänger sich eine Islamisierung der Türkei erhoffen – was die Partei im übrigen auch nie angekündigt hatte. Eine neue politische Landkarte Insgesamt bedeutet das Wahlergebnis eine Umwälzung der politischen Landschaft. Unge-
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten