FES-Analyse: Die Türkei 2003 Viel wichtiger waren jedoch die mit dem Kredit verbundenen Auflagen zur Strukturreform, durch die enge Verbindung von Wirtschaft und Politik aufgebrochen und eine tief greifende Reform des Finanzsektors herbeigeführt werden soll. So wurde die Unabhängigkeit der Zentralbank weiter gestärkt. Eine Bankenaufsichtsbehörde wurde eingerichtet, die unter ihrem Dach auch die Geschäftführung unrentabler Kreditinstitute mit dem Ziel der Rationalisierung, notfalls auch der Liquidation, betreibt. Die Staatsbanken wurden mit dem längerfristigen Ziel ihrer Privatisierung aus der politischen Abhängigkeit herausgenommen und in die privatwirtschaftliche Autonomie entlassen. Ein großer Teil ihrer politisch verursachten Defizite wurde in den Haushalt eingestellt. Für den Telekommunikationssektor wurde eine eigene Regulierungsbehörde eingerichtet. Die Sanierung des Haushaltes soll durch eine drastische Sparpolitik sowie die weitgehende Privatisierung staatlicher Wirtschaftsunterneh men erfolgen. So wurde vereinbart, in den Jahren 2002 bis 2004 einen Primärüberschuss der öffentlichen Haushalte, das heißt einen Überschuss ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen, von 6,5 Prozent des BIP zu erzielen. Dafür wurde auch zum Mittel des Personalabbaus gegriffen. Außerdem wurde eine Reform der Agrarpolitik eingeleitet, mit der die bisherige staatliche Garantieund Ankaufspolitik zunehmend durch direkte Einkommensbeihilfen ersetzt werden soll. Die Privatisierung kommt nur langsam voran, obgleich im Parlament die notwendigen Gesetze für eine umfassende Liberalisierung der Wirtschaftsbereiche Energie, Telekommunikation, Erdgas, Petrochemie, Papier und Zucker relativ zügig verabschiedet worden sind. Doch bremst gerade in Sektoren wie Luftverkehr und Telekommunikation nicht nur die türkische Wirtschaftskrise, sondern auch die allge13 meine weltwirtschaftliche Schwäche den Investitionsdrang. Türk Telekom und Turkish Airlines haben jedenfalls bis jetzt noch nicht den erhofften Käufer gefunden. Dennoch konnte 2002 vorläufigen Schätzungen zufolge der angepeilte Primärüberschuss wohl annähernd realisiert werden. Die aktuelle Lage Das Umsetzung des Programms erfolgte, von einigen politischen Schwierigkeiten abgesehen, relativ zügig und problemlos. Dabei war sicher auch eine Hilfe, dass die katastrophale Lage wenig Spielraum für politische Stör- oder Ablenkungsmanöver ließ, zumal Minister Dervi ş nicht davor zurückscheute, in kritischen Situationen direkten Druck durch den IWF zu generieren. Seit Anfang 2002 zeigten sich auch erste Erfolge, doch konnte von einer anhaltenden Stabilisierung nicht gesprochen werden. Dafür war die politische Situation in der Türkei, vor allem nach der schweren Erkrankung von Ministerpräsident Ecevit Anfang Mai, zu ungewiss. Die Regierungskoalition zeigte deutliche Abnutzungserscheinungen, die das Vertrauen der Finanzakteure immer wieder ins Wanken geraten ließen. Zudem verschlechterten sich im Laufe des Jahres 2002 auch die Aussichten im internationalen Wirtschaftsumfeld, insbesondere als die amerikanische Konjunktur deutliche Schwächen zeigte. Erst die Ankündigung von Neuwahlen konnte die Situation wieder stabilisieren, verbanden die Finanzkreise damit doch die Erwartung, dass die politische Ungewissheit und Lähmung in der Türkei ein Ende finden würde. Der klare Sieg der AKP und die von Erdo ğ an schon im Vorfeld angekündigte und von Gül in der Regierungserklärung bekräftigte Absicht, am Sanierungsprogramm und der Zusammenarbeit mit dem IWF festhalten zu wollen, brachte dann eine endgültige Beruhigung. Der neue
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