FES-Analyse: Die Türkei 2003 gungen bekannten Parlamentspräsidenten wurde allseits als ein Versuch interpretiert und einhellig verurteilt, den Raum des staatlichen Protokolls mit religiöser Symbolik aufzuladen. AKP-Chef Erdo ğ an und Ministerpräsident Gül waren bemüht, die Bedeutung der Sache herunterzuspielen, zumal sie selbst bisher öffentliche Auftritte ihrer ebenfalls traditionell gekleideten Ehefrauen vermieden haben. Insofern kann Ar ı nc’s Vorgehen auch als ein Versuch der traditionellen Kräfte in der AKP gesehen werden, sich öffentlich und auch gegenüber der eigenen Führung in Erinnerung zu bringen. Die kemalistischen Hardliner zeigten sich jedenfalls sehr alarmiert. Am deutlichsten wurde dies in den wiederholten scharfen öffentlichen Ermahnungen des Vorsitzenden des Hochschulrates (YÖK) an die Regierung, die Stellung des Rates nicht anzutasten, weil damit dem Zustrom„reaktionärer Elemente“ an Universitäten die Tür geöffnet würde. Gleichzeitig erklärte er, dass für die Universitäten die Kopftuchfrage endgültig negativ geklärt sei und hier deshalb kein Handlungsbedarf bestehe. Die Position des YÖK-Vorsitzenden bringt klar das Interesse des kemalistischen Establishments an der Aufrechterhaltung einer durch die Einheitsideologie politisch präformierten Hochschullandschaft zum Ausdruck. Die AKP ist jedoch bei ihren Anhängern im Wort. Diese haben jedenfalls entsprechend vorsichtig formulierte Aussagen im Wahlkampf durchaus als programmatische Ankündigung verstanden, zumindest Schülerinnnen und Studentin11 nen das Tragen von Kopftüchern in den Bildungseinrichtungen zu gestatten. Im Programm der AKP steht dazu, dass niemand aufgrund seiner Anschauungen – i.e. Religion – benachteiligt werden soll. In der Regierungserklärung wird sehr neutral formuliert, dass„die Hindernisse, die der Wahrnehmung des Rechtes auf Erziehung im Wege stehen, beseitigt werden“ sollen. Um zu einer Entscheidung in dieser Frage zu kommen, bedarf es einer Regelung seitens des Hochschulrates und des Erziehungsministeriums. Spätestens zu Beginn des kommenden Schul- und Studienjahres im Herbst 2003 wird die Frage wirklich aktuell werden. Dann werden wieder zahlreiche Studentinnen versuchen, mit„traditioneller Bekleidung“ ein Studium zu beginnen, was ihnen nach geltendem Recht nicht erlaubt werden kann. Sollte die AKP hier versagen, dürfte sich das bei den im Frühjahr 2004 anstehenden Kommunalwahlen für sie negativ bemerkbar machen. Anders als in der Frage der Ministerpräsidentschaft Erdo ğ ans und der allgemeinen Demokratisierungspolitik kann die AKP hier jedoch kaum mit einem Entgegenkommen der Opposition rechnen. Außerdem dürfte eine Entscheidung „pro Kopftuch“ die kemalistischen Kräfte der Zivilgesellschaft und in den Medien mobilisieren. Erdo ğ an wird viel Geschick aufwenden müssen, um ein erneutes Aufflammen des politischen Kulturkampfes in der Türkei zu verhindern. Zur Zeit ist er deutlich bemüht, dieses Problem aus der öffentlichen Debatte heraus zu halten, um den Start seiner Regierung nicht zu gefährden. Vor einem nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung? Letztlich wird der Erfolg der AKP aber daran gemessen werden, ob und wie es ihr gelingt, das notwendige wirtschaftliche Sanierungsprogramm fortzuführen und gleichzeitig dessen erhebliche soziale Kosten abzumildern. Die Partei wurde nicht zuletzt auch deshalb gewählt, weil Erdo ğ an erfolgreich den Eindruck vermitteln konnte, dass unter seiner Führung
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