FES-Analyse: USA Der paradoxe Verbraucher Um diese zunehmende Schwäche zu verstehen, muss man die spezifischen Ursachen des Wachstums der letzten Jahre kennen. In einer typischen wirtschaftlichen Erholungsphase wird das Wachstum vor allem durch Neuinvestitionen der Firmen getragen. Das war dieses Mal nicht der Fall. Im Gegenteil, Firmeninvestitionen sanken neun Quartale hintereinander, vom ersten Quartal 2001 bis zum ersten Quartal 2003. Das stellte die längste Flaute bei Firmeninvestitionen seit dem Zweiten Weltkrieg dar. Statt einer üblichen Erholung, die von Firmeninvestitionen getragen wird, musste die US-Wirtschaft sich dieses Mal auf die Verbraucher verlassen. Auch hier zeichnete sich ein ungewöhnlicher Trend ab. Am Ende einer Rezession oder in der Frühphase einer wirtschaftlichen Erholung(wie die USA sie von März 2001 bis November 2001 erlebten) fallen normalerweise die Verbraucherausgaben(oder sie wachsen nur langsam). Zum Beispiel stiegen die Verbraucherausgaben nur um 0,2% im Jahr 1991, dem ersten Jahr der vorherigen Erholungsphase, 1980 fielen die Verbraucherausgaben um 0,3% und 1974 fielen sie sogar um 0,8%. Dieses Mal wuchsen die Verbraucherausgaben um 2,5% in 2001, gefolgt von 2,7% im Jahr 2002. Die amerikanischen Verbraucher strömten ungehemmt in die Einkaufszentren. Das Verbraucherverhalten war umso erstaunlicher, als die ersten 21 Monate der offiziellen Erholungsphase in den USA von einem noch nie gesehenen Phänomen begleitet wurden: Zum ersten Mal befand sich die US-Wirtschaft in einem Aufschwung, der von einem Abbau der Beschäftigung begleitet wurde. Im August 2003(21 Monate, nachdem das National Bureau of Economic Research, der offizielle Schiedsrichter des amerikanischen Konjunkturzyklus, die Rezession für beendet erklärt hatte) waren 1,1 Millionen weniger Stellen vorhanden als im November 2001, dem Beginn des Aufschwungs. Konsum auf Pump Dieses Paradox, dass die US-Wirtschaft zwei vermeintlich gegenläufige Trends – Konsumwachstum und Stellenabbau – gleichzeitig erleb3 te, kann nur mit der zunehmenden Neuverschuldung der privaten Haushalte erklärt werden. Insbesondere ist zu bemerken, dass in den letzten Jahren zwei Trends aufeinander trafen, die zu einem drastischen Anstieg der Verschuldung der privaten Haushalte geführt hat: Einerseits ist die Nachfrage nach neuen Krediten gestiegen. Die schwache Erholung am Arbeitsmarkt, gekoppelt mit einem starken Preisanstieg für wichtige Konsumgüter – Immobilien, Gesundheitsvorsorge, Erziehung und Transport – haben die Nachfrage nach neuen Krediten seit 2001 erheblich angefacht. Andererseits haben im Laufe der letzten Jahre Neuerungen im Finanzbereich und sinkende Zinsen den Verbrauchern die Kreditaufnahme erleichtert. • Zum einen wurden Hypothekendarlehen standardisiert. Aufgrund dieser Standardisierung können heute immer mehr Kreditnehmern Hypotheken mit einem Festzinssatz für die nächsten 30 Jahre angeboten werden. Ebenfalls führte diese Standardisierung im Hypothekenbereich zu einem gestiegenen Wettbewerb, der das Angebot von Hypotheken auf neue Kundenkreise, wie z.B. Niedriglohnverdiener, ausweitete. • Zudem erfahren amerikanische Kreditnehmer eine bedeutende Erleichterung durch das Steuersystem. Seit der Steuerreform 1986 können einzig Zinsen auf Hypothekendarlehen voll steuerlich geltend gemacht werden. 1 Die steuerliche Bevorzugung von Hypothekenzinsen gelten für alle Kredite, die durch eine private, vom Eigentümer bewohnte Immobilie gesichert sind. Diese Kredite umfassen die erste Hypothek, die normalerweise für die Anschaffung eines Eigenheimes aufgenommen wird. Sie umfassen aber auch Kreditlinien, die durch das Eigenkapital einer privaten Immobilie gesichert sind. Vor dem Hintergrund stark gestiegener Immobilienpreise haben diese Eigen1 Alle Hypothekenzinsen können vom zu versteuernden Einkommen abgesetzt werden. Obergrenzen bei der steuerlichen Absetzung bestehen nur insofern, dass das Steuerwesen eine Mindeststeuer für Hochverdiener beinhaltet, die die Geltendmachung aller Sonderausgaben einschränken könnte.
Druckschrift
Die US-Ökonomie am Scheideweg : wirtschaftliche Schwächen erfordern ein Umdenken in der Wirtschaftspolitik
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten