FES-Analyse: Rumänien 3 Eine schnelle Momentaufnahme Rumänien, das Anfang 2007 zusammen mit Bulgarien Mitglied der Europäischen Union wird, erscheint auf den ersten Blick als das„balkanischste” aller Balkanländer(von Albanien vielleicht abgesehen). Bereits eine halbe Autostunde von Bukarest entfernt fühlt sich der Besucher in die Dritte Welt versetzt. Und auch die zwei bis drei Millionen Stadt Bukarest besticht durch den Charme des ungebärdigen Chaos. In der Tat gehört das Land mit zu den ärmsten Ländern in Europa. An Kaufkraft gemessen, liegt sein Pro-Kopf-Einkommen bei etwa einem Viertel des EUDurchschnitts und bei weniger als einem Fünftel von dem in Deutschland. Unter den EU-Mitgliedsstaaten wird Rumänien das am stärksten ländlich geprägte sein, ein gutes Drittel der Bevölkerung lebt immer noch von der Landwirtschaft. Damit hängt zusammen, dass das Land mit etwa fünf bis sechs Prozent eine ziemlich niedrige Arbeitslosenquote aufweist. Etwa ein Fünftel der rumänischen Erwerbsbevölkerung arbeitet derzeit im Ausland, vor allem in Italien und Spanien. Die rumänische Bevölkerung schrumpft. Das liegt vor allem an der äußerst geringen Geburtenrate. Dazu passt, obwohl hier noch andere Faktoren ins Spiel kommen, dass Rumänien ein akutes Rentenproblem hat: Auf zehn beitragszahlende Arbeitnehmer kommen zwölf Rentner(in Deutschland sind es knapp sechs). Rumänien gehört aber auch zu den Ländern mit dem höchsten realen Wirtschaftswachstum in Europa – fast sechs Prozent im Durchschnitt der letzten sechs Jahre(EU: etwas über zwei Prozent). Rumänien hat nationale Minderheiten, unter denen die Ungarn mit etwa sieben Prozent der Bevölkerung die weitaus bedeutendste darstellen. Die Deutschen, die im Jahre 1956 noch über zwei Prozent ausmachten, sind heute nur noch mit winzigen 0,3 Prozent vertreten. Das Zusammenleben der diversen Volksgruppen ist in großen Teilen des Landes fast vorbildlich zu nennen. Timisoara(Temeswar), ClujNapoca(Klausenburg) und Sibiu(Hermannstadt) sind Städte mit einem multikulturellen Flair, das man anderswo in Europa nicht so schnell findet. Es gibt aber auch Probleme. Ein Teil der ungarischsprachigen Bevölkerung im homogen ungarischen Siedlungsgebiet in Zentralrumänien(den Verwaltungsbezirken Harghita und Covasna) verlangt so weitgehende Autonomierechte, dass sie von den ethnischen Rumänen fast einhellig als unzumutbar zurückgewiesen werden. Hier könnte Zündstoff für die Zukunft liegen. Von ganz anderer Art ist das Verhältnis der Rumänen zu ihren Roma-Mitbürgern, die je nach Zählweise zwischen acht und fünfzehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie pochen nicht auf Minderheitenrechte, leben aber zu einem großen Teil am Rande der Gesellschaft und werden von dieser nicht richtig akzeptiert. Die rumänischen Roma sind Opfer gesellschaftlicher(nicht staatlicher) Diskriminierung, verweigern aber zum Teil auch selbst die volle Integration, z.B. durch Schulabbruch. Rumänien ist eine Demokratie, in der bereits dreimal seit der Revolution von 1989 freie und im Großen und Ganzen saubere Wahlen einen Regierungswechsel herbeigeführt haben. Derzeit regiert ein labiles Parteienbündnis, das sich auf der politischen Skala in den Mitte-Rechts-Bereich einordnet. Die stärkste Oppositionskraft ist die Sozialdemokratische Partei (PSD), die bei den Parlamentswahlen von Ende 2004 mit 36% noch die meisten Stimmen erhalten hatte, heute in Umfragen aber wesentlich schlechter abschneidet. Rumänien hat besonders den Ruf der Korruption. Darüber wird noch zu reden sein. Aber das Land gehört auch zu den sichersten in Europa. Gewaltkriminalität hält sich auch in Bukarest – vorerst noch – auf äußerst niedrigem Niveau. Dazu passt, dass ein großer Teil der Rumänen, auch der jungen in der Stadt, bemerkenswert religiös ist. Es überrascht, immer wieder das Entstehen neuer Klöster mit jungen Mönchs- oder Nonnengemeinschaften zu sehen. Die Rumänen sind in vieler Hinsicht noch ein„braves“ Volk mit viel Familiensinn, Respekt für das Alter und einem offenen Herzen für Arme und Tiere, was einen zunehmenden Sinn für die Verlockungen der modernen Konsumwelt(Kleidung, Cafés, Körperkult) nicht ausschließt.
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