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Rumänien: neues Tigerland oder Problemkind der EU?
Entstehung
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FES-Analyse: Rumänien belle, S. 6) und auch für die Zukunft herrscht der­zeit allenthalben Optimismus. Rumäniens Außen­minister Razvan Ungureanu sprach kürzlich gar vom europäischenTiger Rumänien. Die erfreuliche wirt­schaftliche Entwicklung verdankt sich wesentlich der europaweiten Produktionsverlagerung aus westlichen Hochlohnländern in östliche Niedriglohnländer, an der Rumänien seit mehreren Jahren partizipiert. Die Aus­weitung der Produktions- und Exportkapazität mittels ausländischer Direktinvestitionen verbreiterte bislang ständig die Basis für jene Binnennachfrage, aus der sich das derzeitige schnelle Wachstum zu einem er­heblichen Teil speist(Bau und Dienstleistungen).ber die Investition in immer größere Produktionskapa­zität für den Export ist natürlich kein Selbstläufer. Und die spektakuläre Aufwertung Rumäniens als Pro­duktionsstandort seit Beginn des Jahrhunderts darf nicht die Defizite verdecken, die das Land hierbei im Vergleich mit konkurrierenden Ländern noch hat oder in Zukunft zu haben droht. Langfristig am bedenk­lichsten ist wahrscheinlich die Verschlechterung der Ausbildung, die seit der Revolution zu beo­bachten ist. Noch ist hier kein Gegensteuern in Sicht, was viel mit den ganz anderen Prioritäten der politischen Elite zu tun hat. In der Diskussion der Wachstumsperspektiven für die rumänische Wirtschaft wird immer wieder das steigende Handelsbilanzdefizit angeführt, das über kurz oder lang ein Gegensteuern erforderlich mache. In der Tat ist dieses Defizit inzwischen auf über neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts angewachsen. Auch 2006 stiegen die Einfuhren mit 25 Prozent wie­der erheblich stärker an als die Ausfuhren mit 16 Pro­zent. Aber in dieser Gleichung ist eine wichtige Be­sonderheit des neuen Rumänien nicht berücksichtigt. Das Land exportiert nicht nur Textilien, Fahrzeu­ge, Maschinen und dergleichen, sondern auch Ar­beitskraft in Form von im Ausland erbrachten Arbeitsleistungen. Auch hierfür fallenExport­erlöse an in Form von Löhnen, die zu einem nicht unerheblichen Teil ins Heimatland transfe­riert werden. Diese erscheinen in der Außenhan­delsstatistik nur zum Teil. Man nimmt an, dass 5 etwa 40 Prozent davon über offiziell nicht erfasste Kanäle ins Land kommen. Das wären etwa 3,5 Mil­liarden Euro ca. 40 Prozent des für 2006 erwarte­ten Leistungsbilanzdefizits. Die Geldzuflüsse aus dem Ausland, sowohl die für dort geleistete Arbeit als auch Investitionen und Geld­anlagen von Ausländern in Rumänien, können selbst als ein Faktor angesehen werden, der das Entstehen eines Importüberschusses begünstigt. Denn zum Teil sind sie von vornherein für die Finanzierung von Im­porten(z.B. Produktionsanlagen) bestimmt, zum Teil erhöhen sie die Kaufkraft der Einwohner, was seiner­seits zu einer erhöhten Nachfrage nach Importen führt. Finden die Geldzuflüsse nicht ihren Weg in steigende Einfuhren, wirken sie wie ein Leistungsbilanzüber­schuss und drücken den Wert des rumänischen Leu nach oben. Genau dies war in den Jahren 2004 und 2005 zu beobachten, als der Leu gegenüber Euro und Dollar in der Spitze bis zu 17 Prozent aufwertete. Auch heute bekommt man für die gleiche Menge Lei noch zwölf Prozent mehr Euro als Mitte 2004 ob­wohl die rumänische Währung deutlich stärker an inländischer Kaufkraft einbüßte als der Euro. Das heißt, für einen Euro kann man heute etwa 25 Prozent weniger in Rumänien kaufen als noch vor zwei Jah­ren. In Deutschland hat die Kaufkraft des Euro dage­gen nur um ca. vier Prozent nachgelassen. Dieser kleine Exkurs sollte deutlich machen, dass das relativ hohe Leistungsbilanzdefizit bislang kein Faktor ist, der das rumänische Wirtschaftswachstum gefährdet. Auch die anderen makroökonomischen Rahmendaten sehen positiv aus. Die Inflation ist auf eine Spanne zwischen fünf und acht Prozent zu­rückgegangen(die Daten differieren), der Staats­haushalt weist 2006 ein Defizit von gut zwei Pro­zent aus(erheblich weniger als Deutschland und Frankreich). Die gesamte öffentliche Verschuldung liegt bei etwa 17 Prozent, die Auslandsverschuldung des Landes bei 30 Prozent– alles in allem eine ziem­lich solide Basis für fortgesetztes Wirtschaftswachs­tum, solange dieses mit einer Ausweitung des Produk­tionspotenzials verbunden ist.