14 FES-Analyse: Rumänien Das Normenkorsett der Europäischen Union Der nationale Wunsch, in die Europäische Union aufgenommen zu werden, hat das Land den strengen Auflagen unterworfen, die die Union seit einiger Zeit neuen Beitrittskandidaten macht. Das hat die politische Elite gezwungen, Strukturen der Rechtsstaatlichkeit zu etablieren, die sie ohne diesen Druck wohl nicht annähernd geschaffen hätte. Man kann sagen, sie hat es zähneknirschend getan, und sie gibt sich bis heute große Mühe, die Wirksamkeit der von der EU durchgesetzten Strukturen abzumildern, um sich Straflosigkeit für illegale Bereicherung in der Vergangenheit zu sichern und die Türen für künftige Geschäfte mit Hilfe des manipulierten Staates offen-zuhalten. Jetzt, nachdem der Beitritt geschafft ist, lässt der Handlungsdruck, die ungeliebte Rechtsstaatlichkeit voranzubringen, etwas nach. Aber Rumänien bleibt in das Normengerüst der Europäischen Union eingebunden. Es bleibt weiterhin der Beobachtung durch die Union unterworfen. Und es muss sich auf Sanktionen einstellen für den Fall, dass EU-Normen zu gröblich verletzt werden. Wahrscheinlich ebenso wichtig wie das fortgesetzte offizielle Monitoring ist der Rückhalt, den die EU-Normen denjenigen geben, die in Rumänien den Kampf um mehr Rechtsstaatlichkeit führen. Jenseits aller offiziellen Sanktionsmechanismen, die immer von politischen Opportunitätsgesichtspunkten gefiltert werden, bietet die Union eine Öffentlichkeit, in die der Kampf gegebenenfalls getragen werden kann. All das wird die rumänische Staatsbourgeoisie nicht in die rechtsstaatliche Disziplin zwingen, solange der Druck von innen nicht stärker wird. Aber die Tatsache, dass die EUMitgliedschaft ein permanentes Ausgesetztsein gegenüber europäischer Einmischung auf vielfältigen Ebenen(offiziellen, halboffiziellen und privaten) bedeutet, sollte rumänische Kämpfer für Rechtsstaatlichkeit stärken. Indirekt kommt die EU-Mitgliedschaft der Sache der Rechtsstaatlichkeit in Rumänien auch dadurch entgegen, dass sie das Zutrauen des internationalen Kapitals gegenüber Rumänien festigt und dadurch den wirtschaftlichen Aufschwung begünstigt. Dieser aber sollte langfristig Kräfte stärken, die auch in der politischen Arena aktiv für Rechtsstaatlichkeit eintreten. Die politische Öffentlichkeit in Rumänien selbst stellt einstweilen einen ganz anderen Aspekt der EU-Mitgliedschaft in den Vordergrund, nämlich die EU-Gelder, die dem Land jetzt zustehen. Es entsteht Druck, die öffentliche Verwaltung auf den verschiedenen Ebenen dazu zu befähigen, diese Gelder gemäß den strengen EU-Regeln auch tatsächlich abzurufen und auszugeben. Dies ist sicher positiv. Andererseits wäre es naiv, die Begehrlichkeit außer Acht zu lassen, die große, durch staatliche Kanäle fließende Geldsummen bei der Staatsbourgeoisie wecken muss. Ebenso naiv wäre es, zu glauben, die EURegeln seien ein hinreichend sicheres Bollwerk gegen die raffinierte Veruntreuung von Geldern. Die Staatsbourgeoisie hat im ständigen Kleinkrieg gegen den Vormarsch der Rechtsstaatlichkeit ihre Methoden verfeinert. Die EU-Gelder sind wie ein Goldtransport im Wilden Westen: eine große Beute, die Banditen gleichsam auf den Plan rufen muss. Aber auch dies birgt eine Chance für die politische Entwicklung in Rumänien. Wie Venelin Ganev dargelegt hat, ist der Freiheitsraum der postkommunistischen Kleptokraten darin begründet, dass sich niemand bestohlen fühlt. Die Befürchtung, dass die Mittel, die die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zum Nutzen seiner Bürger voranbringen sollen, zur Beute der Korruption werden, könnte politische Energien mobilisieren, dies zu verhindern.
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