8 ländlichen Raumes in einem Tempo erfolgt, das der Absorptionsfähigkeit des expandierenden modernen Sektors entspricht. Wenn die wachsende Attraktivität der Stadt große Teile der jungen Generation zum Verlassen des Landes bewegt, ohne dass„ordentliche“ Jobs verfügbar sind, wird soziales und politisches Konfliktpotenzial entstehen, wie es Rumänien bisher dank seiner großen prämodernen Subsistenz-Landwirtschaft erspart geblieben ist. In FES-Analyse: Rumänien dieser Gleichung wird die Arbeitsmigration ins Ausland weiterhin eine entscheidende Rolle spielen. Die Arbeitsmärkte des Westens haben eine ähnliche soziale Ventilfunktion, wie sie seinerzeit die Auswanderung nach Amerika hatte. Allerdings wird der Problemdruck in Rumänien durch die geringe Kinderzahl, die auch in den meisten ländlichen Familien zur Norm geworden ist, verringert. Die Zukunft der sozialen Frage Rumänien ist nicht nur immer noch ein sehr armes Land; es ist auch ein Land mit sehr viel Armut. Von extremer Armut, für die die Weltbank einen Schwellenwert von zwei Dollar pro Tag und Person ansetzt, ist etwa ein Achtel der Bevölkerung betroffen. Weniger rigorose Definitionen lassen die Zahl der Armen auf bis zu einem Drittel der Bevölkerung anschwellen. Aber die Armut hat in Rumänien bislang einen stark ländlichen Akzent. Die Masse der Subsistenz-Bauern und ihrer Familien hat kaum ein Geldeinkommen und muss, obgleich sie nicht hungert, mit einem extrem niedrigen Lebensstandard vorlieb nehmen. Dieser Aspekt der Armut dürfte in den nächsten Jahren stark an Bedeutung verlieren, weil, wie vorn ausgeführt, die junge Generation der Landbevölkerung in die Stadt zieht. Dadurch wird allerdings nicht unbedingt die Armut allmählich aus Rumänien verschwinden. Die Frage nach der sozialen Integration der wachsenden Stadtbevölkerung wird in den Mittelpunkt rücken, wie es dem Normalfall in modernen Gesellschaften entspricht. In einem günstigen Szenario wird das Wirtschaftswachstum im Verbund mit der Arbeitsmigration ins Ausland dafür sorgen, dass die Arbeitslosigkeit weiterhin in Grenzen bleibt. Aber für viele werden die Löhne auf absehbare Zeit niedrig bleiben. Auch wenn man die Individuallöhne zu Familieneinkommen addiert, wird die Kaufkraft nicht ausreichen, um sich zwei Dinge zu leisten, die für soziale Teilhabe wesentlich sind und die im Westen seit vielen Jahrzehnten als „gang und gäbe“ angesehen werden: Zugang zu guter Ausbildung und zu guter Behandlung im Krankheitsfall. Mit beiden Aspekten sieht es in Rumänien schlecht aus. Das öffentliche Bildungssystem, das in kommunistischen Zeiten sehr gut war, auch wenn nicht unbedingt die modernsten didaktischen Konzepte angewandt wurden, ist dabei zu verfallen. Gute Ausbildung wird mehr und mehr zu einem Gut, für die man an privaten Bildungseinrichtungen zahlen muss. Das heißt, die Kinder derer, die nicht bezahlen können, müssen sich mit schlechterer Ausbildung begnügen und haben entsprechend schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dies liegt wesentlich daran, dass dem Bildungswesen in der Zuteilung staatlicher Mittel nicht die nötige Priorität zuerkannt wird (niedrige Entlohnung für Lehrer, schlechte Ausstattung) und dass die weit verbreitete Korruption im Schulbetrieb(bezahlter Nachhilfeunterricht ist wichtiger als Unterricht in der Klasse, gute Noten werden gegen Bezahlung vergeben) toleriert wird. Aber auch das private Ausbildungswesen ist nicht ausschließlich an Qualität orientiert. Besonders im höheren Bildungsbereich sind private Einrichtungen dafür bekannt, dass sie niedrige Leistungsstandards ansetzen und gegen gutes Geld leicht zu erwerbende Ausbildungszertifikate ausstellen. In Rumänien gilt heute wieder: Wer nicht zahlen kann, wird im Krankheitsfall weniger gut behandelt, ist im Durchschnitt weniger gesund, muss bei chronischen Krankheiten mehr leiden, wird eher behindert und stirbt früher. Das öffentliche Gesundheitssystem verweigert offiziell viele Leistungen, die für die Wiederherstellung und den Erhalt von Gesundheit notwendig wären. Darüber hinaus werden selbst die zulässigen Leistungen oft nur gegen Bestechungsgeld erbracht. Der Hauptgrund für den niedrigen Leistungsstandard dieses Systems ist nicht der Mangel an Geld(obwohl mangelnde Mittelzuteilung auch hier eine Rolle spielt), sondern die Unfähigkeit der öffentlichen Verwaltung, das ihr anvertraute System effizient und korruptionsfrei zu betreiben. Dahin-
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