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Rumänien: neues Tigerland oder Problemkind der EU?
Entstehung
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FES-Analyse: Rumänien 15 Fortschritte und Lichtblicke Es ist schwer, ein kohärentes Schema für gesellschaft­lichen Wandel zu skizzieren. Gesellschaftlicher Wan­del selbst ist inkohärent, von Gleichzeitigkeiten unter­schiedlicher Entwicklungen und sogar Gegenläufig­keiten gekennzeichnet und letztlich von Kontingenzen bestimmt, die analytisch kaum zu erfassen sind. Ein mögliches Szenario für Rumänien ist das eines europäischenTigerlandes, das die Begren­zungen seiner heutigen Strukturen samt den zuge­hörigen Mentalitäten zügig hinter sich lässt, neue gesellschaftliche Interessenlagen hervorbringt und mit neuen Problemen konfrontiert wird. Die Frage ist, ob dies ohne ein nationales politisches Projekt, allein getragen vonapolitischen wirtschaftlichen Akteuren und sozusagen an der politischen Klasse vorbei, abgesichert nur durch den von der EU aufer­legten Disziplinrahmen, vorstellbar ist. Die Wahr­scheinlichkeit dieses Szenarios dürfte im Übrigenbenso viel von der Dynamik des gesamteuropäischen Strukturwandels abhängen wie von den Vorkehrungen Rumäniens, sich in diesen einzuklinken. In einem anderen Szenario ebbt die Welle der Auslandsinvestitionen wieder ab aus internen oder externen Gründen. Für sich allein bringt das rumänische Unternehmertum keine rechte Dyna­mik hervor. Das Wirtschaftswachstum geht auf zwei bis vier Prozent pro Jahr zurück und reicht nicht aus, um die noch in der Landwirtschaft zu­rückgehaltene Arbeitskraftreserve zu absorbieren. In diesem Szenario hängt viel ab von der Aufnahmefähigkeit der ausländischen Arbeitsmärkte, in die ja nicht nur Rumänen drän­gen, und von der Bereitschaft der jungen Generation auf dem Land, dort zu bleiben. Im widrigen Fall schwillt die Zahl der Arbeitslosen und Gelegenheitsarbeiter in der Stadt an; die heute für viele erkennbare Perspektive einer besseren Zukunft verflüchtigt sich. Anomie-Erscheinungen, Krimina­lität, Normenverfall, Neurosen, Suizide nehmen zu und werden zur Herausforderung bzw. zur Chance für zwei Arten von Politikern: ernsthaften Re­formarchitekten und populistischen Volksverfüh­rern. Ein Szenario erscheint ausgeschlossen: die Fort­schreibung der heutigen Situation in die Zukunft.