FES-Analyse: Rumänien ter steht letztlich auch wieder die geringe Priorität, die die Regierungen de facto der Gesundheitsfürsorge für die Armen zumessen. Sie hat zur Folge, dass eine grundlegende Reform gar nicht erst in Betracht gezogen wird. Man bleibt im Rahmen des bestehenden Systems mit seinen immanenten Unzulänglichkeiten und begnügt sich damit, ohne viel Wirkung permanent an kleinen Stellschrauben zu drehen. Die Defizite des Bildungs- und Gesundheitssystems bewirken, dass die großen Einkommensunterschiede, die der kapitalistische Arbeitsmarkt – man könnte sagen: unvermeidlich – hervorbringt, in voller Härte auf die Verteilung der Lebenschancen durchschlagen. Denn zwei der wichtigsten„öffentlichen Güter“ sind nicht richtig verfügbar. Es ist zu erwarten, dass viele Familieneinkommen im Zuge eines fortgesetzten Wirtschaftsaufschwungs steigen werden. Aber erstens werden viele auch nicht für lange Zeit steigen und zweitens wird sich mit zunehmendem Lohnniveau auch der Preis für private Bildung und private Gesundheit erhöhen, so dass diese Dinge nicht unbedingt in die finanzielle Reichweite von immer mehr Menschen gelangen. Fortgesetztes Wirtschaftswachstum wird also – falls es nicht zu signifikanten sozialstaatlichen Reformen kommt – die bereits jetzt bestehende soziale Polarisierung auf einem höheren Einkommensniveau weiterführen und mit einem urbanen Akzent versehen. Sie wird die Polarisierung insofern verschärfen, als breitere Schichten in den Genuss eines bescheidenen Wohlstands gelangen, während andere in der Armut verharren. Das heißt, die jetzt noch das Bewusstsein bestimmende Gemeinsamkeit 9 der„Armut“(von der sich eine kleine Gruppe Neureicher abhebt) wird mehr und mehr einer stärkeren sozialen Schichtung weichen. Statt einer breiten Masse von„Transformationsverlierern“ wird es eine kleinere Schicht von„Modernisierungsverlierern“ geben, die sich auf Dauer nicht mehr als Teilhaber eines kollektiven nationalen Schicksals wahrnehmen kann. Es wäre verfrüht darüber zu spekulieren, wie sich dies auf die Artikulation von politischen Forderungen auswirken wird. Es zeichnet sich ab, dass es auch mit fortschreitendem allgemeinen Wohlstand extreme Altersarmut in Rumänien geben wird. Dies liegt an der rapiden Alterung der Gesellschaft, der nicht so sehr verlängerte Lebenszeiten zugrunde liegen als eine sehr niedrige Geburtenzahl. Die momentan vorbereitete Einführung einer zweiten, auf Kapitalbildung basierenden Säule der Altersvorsorge wird zwar die akute Krise des umlagefinanzierten Rentensystems lindern. Aber sie wird vorbeigehen an denjenigen, die während ihres aktiven Lebens keinen hinreichenden Kapitalstock ansparen(können). Von weit verbreiteter informeller, und das heißt beitragsfreier, Arbeit einmal abgesehen, müssen diejenigen, deren Einkommen am Rande des Existenzminimums liegen, eine extrem hohe Sparleistung erbringen, wenn sie dieses Einkommen auch für einen, sagen wir, zwanzig Jahre währenden Lebensabend finanzieren wollen. Auch für dieses Problem gibt es sozialstaatliche Lösungen. Aber das lenkt den Blick wiederum auf die Kapazität des politischen Systems, derartige Lösungen hervorzubringen. Die neue Staatsbourgeoisie Es ist die politische Dimension, in der die Haupterrungenschaft der Revolution von 1989 zweifellos gesehen werden muss. Für die Befreiung von der Diktatur und die Etablierung eines freiheitlichen Systems bezahlte das rumänische Volk einen ungemein hohen wirtschaftlichen Preis. Es ist heute müßig, zu diskutieren, ob dieser Preis notwendig war. Seit einigen Jahren hat nun ein Prozess eingesetzt, der für Rumänien steigenden Wohlstand verspricht. Hingegen ist die Politik zur dunklen Seite des Übergangs geworden. Der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes und die totale Diskreditierung seiner staatlichen Ordnung hat für eine neue politische Elite den Freiraum geschaffen, den Zugriff auf den Nachfolgestaat zur eigenen Bereicherung zu nutzen. Die Etablierung einer repräsentativen Demokratie, die in Rumänien nicht so reibungslos vonstatten ging wie in vielen anderen postkommunistischen Staaten Europas, hat diesen Freiraum nicht wesentlich eingeschränkt. Sie hat ihn eher mit einem Legitimitätsrahmen versehen. Die demokratischen Prozeduren segnen die Besetzung der entscheidenden Kontrollpositionen gleichsam ab, aber sie haben bis heute nicht verhindern können, dass der Zugriff auf die Staatsgewalt in massiver Weise für den eigenen Vorteil und zum Schaden des Gemeinwohls
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