FES-Analyse: Mongolei 3 Die Mongolei im Jubiläumsjahr: Stolz auf Unabhängigkeit und Demokratie – Sorgen um die Zukunft Mit einem Reigen von Festlichkeiten und einem Großangebot an kulturellen und wissenschaftlichen Begleitveranstaltungen hat die Mongolei im vergangenen Jahr ihren Geburtstag, das 800. Jubiläum der Reichsgründung durch Dschingis Khan 1206, gefeiert und an ihre lange Geschichte als eine der ältesten Kulturnationen Asiens erinnert. Westlichen Besuchern mögen der Aufwand, der dabei betrieben wurde, und das aus diesem Anlass in noch mehr Stein gehauene Pathos der Heldenverehrung für den nationalen Heros überzogen und vergangenheitssüchtig erscheinen. Dass die Mongolen, deren ausgeprägter Nationalstolz im europäischen Kontext in dem der Polen eine vergleichbare Parallele findet, damit wie selbstverständlich umgehen, hat historische Gründe. Zum ersten Mal seit 300 Jahren konnte die Mongolei ein Großjubiläum dieser Art in voller Souveränität und mit der Genugtuung der wieder gewonnenen Deutungshoheit über die eigene Geschichte begehen. Im Jubiläumsjahr 1906, also vor genau hundert Jahren, stand die so genannte Äußere Mongolei – die Bezeichnung wird in chinesischen Publikationen gelegentlich heute noch verwendet – unter der Souveränität des chinesischen Kaiserreichs. Die staatliche Unabhängigkeit, zu der dem Land der Sturz der Qing-Dynastie 1911 verhalf, war ein Zwischenspiel, das nur ein Jahrzehnt dauerte. Als 1962 der 800. Geburtstag von Dschingis Khan zu feiern gewesen wäre, war die Mongolei bereits seit 40 Jahren ein kommunistisch regierter Satellitenstaat der Sowjetunion. In dieser Zeit, die erst mit der friedlichen Wende von 1990 zu Ende ging, durfte nicht einmal der Name des auf das Schreckbild des feudalimperialistischen Gewaltherrschers reduzierten Reichsgründers öffentlich erwähnt werden. Das damals auch für die Wissenschaft geltende Verbot, seine historische Bedeutung für die Entstehung der ersten mongolischen Staats- und Rechtsordnung und die wirtschaftliche wie kulturelle Entwicklung angemessen zu würdigen, wurde besonders scharf überwacht, weil es darum ging, nationale Regungen schon im Keim zu ersticken. Die vorliegende Analyse setzt dort an, wo das Jubiläum für mongolische Politiker und Kommentatoren den geeigneten Anlass bot, sich mit der aktuellen Lage 16 Jahre nach der Wende auseinanderzusetzen. Die Bestandsaufnahme ergibt, dass sich der Transformationsprozess, der damals mit bemerkenswertem Elan und hohem Tempo eingeleitet und in den Folgejahren vorangetrieben wurde, in einer kritischen Phase befindet. In der politischen Debatte schlägt sich das in dem von den verschiedensten Seiten inflationär benutzten, in den konkreten Schlussfolgerungen aber diffusen Postulat nieder, dass die Mongolei einen „zweiten Aufbruch“ brauche. Bei den mit erheblichen Zukunftsängsten unterlegten Herausforderungen, die sich für die Politik stellen, geht es für die Mongolei um eine doppelte Selbstbehauptung. Die mit berechtigtem Stolz reklamierte Leistung, in dem autoritär bis diktatorisch regierten Umfeld in Nordostasien eine„Insel der Demokratie“ etabliert zu haben, leidet darunter, dass weit verbreitete Armut, soziale Polarisierung und die parteipolitische Fragmentierung die Akzeptanz des neuen Systems in großen Teilen der Bevölkerung zunehmend belasten. Gleichzeitig schürt die gegenwärtige innenpolitische Handlungsschwäche und Orientierungslosigkeit die Sorge, auf dem Wege der schleichenden wirtschaftlichen Überfremdung, insbesondere durch den begehrlichen Zugriff des übermächtigen Nachbarn China, die hart erkämpfte Selbstbestimmung zu verlieren. Obwohl die postkommunistische Mongolei mit ähnlichen inneren Problemen zu kämpfen hat wie die Transformationsländer in Mittel- und Osteuropa, reicht die Vergleichbarkeit nicht weit. Dazu sind die Rahmenbedingungen, unter denen die Mongolei als erstes kommunistisches Land in Asien den Systemwechsel zu Demokratie und Marktwirtschaft vollzogen hat, zu unterschiedlich. Anders als den osteuropäischen Ländern mit der EU vor der Haustür fehlte der Mongolei eine entsprechende, die Entwicklung begleitende und steuernde Anreiz- und Zielperspektive. Dazu kommen die enormen Herausforderungen, die sich aus den schwierigen natürlichen Bedingungen für die Entwicklung der Wirtschaft und der dazu notwendigen Infrastruktur ergeben. Mit einer Fläche von der vierfachen Größe Deutschlands, aber nur 2,6 Millionen
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