Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität durch Hergestelltes zu ersetzen. Die kulturellen Reaktionen auf diese verwirrenden Erfahrungen bekunden zumeist ein Gefühl der Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, allenfalls bieten sie dem Chaos nüchtern die Stirn. Aber stehen wir wirklich vor einem so radikalen Umbruch, dass er alle unsere bisherigen Herausforderungen in den Schatten stellte und die Einsichten und Ziele, an denen wir uns bislang orientiert haben, entwertete? Vor zwanzig Jahren hielt der ehemalige britische Premierminister Harold Macmillan zur Zeit des Präsidentschaftswechsels von Carter zu Reagan, der sog„transition period“, in Washington einen Vortrag, den er – über achtzig Jahre alt, ganz elder statesman und mit Würde auf seinen Stock gestützt- mit folgender Geschichte begann: Vor langer Zeit geschah es im Paradies, dass die Schlange Eva dazu überredete, einen verbotenen Apfel zu essen. Eva wiederum überredete Adam dazu, das Gleiche zu tun. Als Gott das sah, wurde er zornig und warf sie hinaus aus dem Paradies. Wie sie beide im Ausgang standen und auf den Weg zur Erde blickten, fasste Adam Eva bei der Hand und sagte:„Well Eve, we are now entering a period of transition“. Man könnte das etwas frei mit den Worten übersetzen:„Eva, jetzt beginnt für uns eine Zeit der Umbrüche.“ Mit seiner britischen Distanz und Ironie sprach Macmillan aus der kostbaren Erfahrung des alten Mannes, der begriffen hat, dass die Menschen im Laufe der Geschichte immer in der Empfindung eines radikalen, oft tief verunsichernden Umbruchs gelebt haben. Die naive Idee eines radikal neuen Zeitalters schleift sich damit ab an der Vergegenwärtigung der geschichtlichen Wiederkehr, nicht nur der fundamentalen existentiellen Herausforderungen des menschlichen Daseins – Geburt, Tod, Glücksstreben und Scheitern, Gerechtigkeit, Liebe und Krieg-, sondern auch wertvoller, nach wie vor gültiger Einsichten und Lebensperspektiven unserer Vorfahren, die uns Orientierung bieten können. In der Spannung dieser Doppelpoligkeit von unbezweifelbar neuen Herausforderungen und der fortdauernden Geltung alter Einsichten möchte ich die Frage nach der Zukunft der Universität im Folgenden erwägen. I. 1. Virtualisierung der Universität für die zukünftige Wissensgesellschaft? Zu den Bekräftigungen, die man heute auf keinen Fall auslassen sollte, wenn man sich auf der Höhe der Zeit erweisen will, gehört diejenige, dass wir uns in einer„Wissensgesellschaft“ befänden. Wissen, so allerdings schon vor mehr als dreißig Jahren der amerikanische Soziologe Daniel Bell, löst als Grundlage der wirtschaftlichen Produktion die materiellen Rohstoffe ab. Die Folgerung daraus ist einfach: Um reich zu sein und uns auf der Welt zu behaupten, müssen wir über möglichst viel Wissen verfügen und unsere Jugend www.fes-online-akademie.de Seite 2 von 19
Druckschrift
Informationscontainer oder gebildete Bürger? : Die Zukunft der Universität ; Januar 2001
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten