Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Radikale Infragestellungen fordern uns dazu heraus, uns auf das Eigentliche einer Institution oder eines Vorhabens zu besinnen. Darin liegt ihr Wert. Wenn man zur Wahrheitssuche, der traditionellen Aufgabe der Universität, keinen gemeinsamen Ort und kein Gebäude mehr braucht, wenn die Studenten alle vor ihrem Computer zu Hause sitzen bleiben können und keine Energie mehr durch Auto- oder Straßenbahnfahren verschwenden, wenn ihnen dies Tag und Nacht frei steht und sie sich nur noch ihrer individuellen jeweiligen Neigung fügen müssen, wenn der Staat wie die Individuen finanziell so viel einsparen können und überdies alles so flexibel geworden ist, dass man sich seine Gesprächspartner frei und zu jeder Zeit neu zu wählen vermag, ist das nicht ein riesiger Gewinn an Geld und vor allem an individueller Freiheit? Warum sollten wir uns nicht einfach auf diesen Zug schwingen? Wozu überhaupt noch Universitäten als besondere Institutionen? Wären umfassende öffentlich zugängliche Datenbanken und Informationssysteme, von denen sich jeder holt, was er gerade braucht, nicht viel billiger und effizienter? Oder effektiver? I. 2. Isolierte Computerklicker in einer Welt des Bürgerkriegs? Hier stoßen wir wieder auf das Begriffspaar: Effizienz und Effektivität, das gegenwärtig aller Orten als Erfolgskriterium von Prozessen und Institutionen, auch der Universitäten, angeboten wird, ohne dass ihr präziser Bedeutungsunterschied, geschweige denn das Ziel, für das sie funktional wären, genauer bestimmt oder begründet würden. Darum aber, um das Ziel der Institution Universität und um die sich daraus ergebenden strukturellen Folgen, geht es mir hier. Denn die im wesentlichen von den Sparzwängen des Staates, der scheinbar auf der Hand liegenden, global wirksamen ökonomischen Rationalität und der Logik der neuen Technologien inspirierten gegenwärtigen Reformvorschläge für die Universitäten haben einschneidende Folgen nicht nur für die einzelnen studierenden Menschen, sondern auch für die Art unserer zukünftigen Lebensgestaltung, unserer Gesellschaft, unserer Politik, unserer gemeinsamen oder vielleicht gar nicht mehr gemeinsamen Welt. Diese Folgen fallen in der gegenwärtigen Reformdiskussion in der Regel unter den Tisch. Vielleicht schrumpft mit den propagierten Ökonomisierungen und Technologisierungen die Vielfalt unseres persönlichen und gesellschaftlichen Lebens auf die Eindimensionalität technischer Handhabbarkeit zusammen, vielleicht werden wir in der isolierten Gewöhnung an unsere Computer wirklich zu fensterlosen Monaden, die möglicherweise noch in der Kneipe ein Bier zusammen trinken, sich aber eigentlich nichts mehr zu sagen haben, vor allem sich nicht mehr verständigen und auf einander einstellen können, weil sie es nicht gelernt haben, ihre innere Welt in der Begegnung mit anderen Menschen und mit der äußeren Welt zu entwickeln. Vielleicht ereilen uns dann die verkümmerten oder blockierten Leidenschaften, die uns Menschen bisher doch immer neben den Wünschen nach techniwww.fes-online-akademie.de Seite 5 von 19
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Informationscontainer oder gebildete Bürger? : Die Zukunft der Universität ; Januar 2001
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