Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Berufe hin man die Ausbildung ausrichten sollte. Mehr: Der Arbeitsmarkt kommt nicht wie ein Fatum auf uns, sondern ist durchaus beeinflussbar. Ein Beispiel: Der globale Wettbewerbsdruck kann bei den Wirtschaftsunternehmen unterschiedliche Reaktionen auslösen: Sie können arbeitsintensive Produktionen ins Ausland mit billigeren Löhnen verlagern, sie können statt dessen die Arbeit vor Ort tayloristisch intensivieren, die Arbeitskraft durch Automation ersetzen oder sich schließlich arbeits- wie innovationszentrierten Produktionsverfahren, z.B. Fertigungsinseln, Boxen- und Sternmontage, Gruppenarbeit zuwenden. Die zukunftsträchtigste von ihnen scheint, so lese ich es bei Fachleuten, die letzte zu sein. Allerdings verlangt sie eine hohe Qualifizierung der Beschäftigten. Die italienische Firma Fiat wollte 1994 eine solche Innovation in ihrem neuen Werk in Melfi einführen, musste sie jedoch erheblich reduzieren, weil nicht genug qualifizierte Arbeiter vor Ort zur Verfügung standen. Fiat richtete sein Werk daher auf einen deutlich geringeren Prozentsatz Qualifizierter ein, mit der Folge, dass nun auch in Zukunft hoch Qualifizierte weniger gefragt sein werden, die Arbeit für viele monotoner ausfällt und eine soziale Trennung zwischen niedrig und hoch Qualifizierten entsteht.(von Lüde 1998: S.162ff.) Wenn man das vermeiden will, dann kann eine hochqualifizierte, im wesentlichen auf Eigenständigkeit, Kreativität und Verantwortungsfähigkeit gerichtete Ausbildung also auch dann durchaus sinnvoll sein, wenn noch keine konkrete Verwendung auf dem Arbeitsmarkt sichtbar ist, weil sie innovationsbereiten Unternehmern allererst die Chance bietet, neue Wege zu gehen. Dieses Beispiel verweist auf die allmählich zunehmende Einsicht, dass gute, gleichsam „nachhaltige“ Ausbildung keineswegs im Gegensatz zur Bildung steht. Denn da die Zukunft offen ist, kommt es mehr und mehr nicht auf technische Fertigkeiten, auch nicht des Informationserwerbs an, sondern auf die Fähigkeit der Individuen, sich eigenständige Kategorien für die überbordenden Informationen, insgesamt für die„Welterfahrung“ zu erarbeiten, um über die Informationen hinaus zu reflektiertem Wissen zu gelangen, neue Ideen zu entwickeln, Initiativen zu ergreifen und mit anderen kooperativ umzusetzen. Alle diese Schritte erfordern ein hohes Maß an Reflexion. Sie bezieht sich zum einen auf die methodische und theoretische Grundlage von Informationen und Wissen. Dies allein verlangt einen langen Atem und vor allem Geduld gegenüber der Unsicherheit, die jede Methode und jede Theorie birgt – weshalb es sicheres, einfach handhabbares Wissen, ohne die Beachtung seiner jeweiligen Voraussetzungshaftigkeit, eben gar nicht gibt. Das gilt selbst für die kleinste Beobachtung.„Im Beobachten steckt mehr, als man beobachtet“, formuliert der Philosoph und Wissenstheoretiker Günter Abel dies treffend(Abel 1999: S.133). Die wissenschaftstheoretische Naivität, die sich in unzähligen auch hoch offiziellen Plädoyers für die neue Wissensgesellschaft, gemessen am universitären Standard, um nicht zu sagen am wissenschaftstheoretischen Forschungsstand, findet(oft implizit in der verfügungsorientierten Wortwahl versteckt), empfinde ich als blamabel. Als sei Wissen etwas, was man wie einen Feuerhaken handhaben kann. www.fes-online-akademie.de Seite 7 von 19
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Informationscontainer oder gebildete Bürger? : Die Zukunft der Universität ; Januar 2001
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