Peter Hurrelbrink Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie Eine allgemeingültige Definition ist dabei nicht möglich: Unterschiedliche Vorverständnisse führen zu je verschiedenen Sichtweisen. Wer etwa die Fähigkeit des Menschen zu einer kritischen Selbstprüfung gering einschätzt oder die individuell-subjektive Ebene für ein demokratisches System für zweitrangig hält, der wird strukturell-institutionellen Veränderungen des politischen Systems und der justizförmigen Aufarbeitung größere Relevanz zusprechen als einem Wandel politischer Mentalitäten. Das hier vertretene Verständnis von der„Aufarbeitung der Vergangenheit“ stellt keine unmittelbar handlungsleitenden„Lehren“ zur Verfügung, sondern dient dazu, gescheiterte und schuldbeladene Vergangenheit überhaupt als solche wahrzunehmen und anzuerkennen. Erst daraus kann ein neues demokratisches Selbstverständnis entwickelt werden. 2.1 Die Opferperspektive „Aufarbeitung der Vergangenheit“ bedeutet im Kern immer Erinnerung an vergangenes Unrecht. Unrecht kann als solches überhaupt nur erkannt werden, wenn die Opfer identifiziert und anerkannt werden. Deshalb ist ein Zugang zur Geschichte, der sich an der Opferperspektive orientiert, nicht nur unter moralischen Gesichtspunkten vorrangig. 1 Aus der Opferperspektive ist„Erinnerung“ gleichsam ein Synonym für„Aufarbeitung der Vergangenheit“.„Geschichte, zumal die deutsche, ist voll von Opfern. Den Opfern aber steht Erinnerung zu- die ihre und die der anderen, der Mitläufer, der Täter und der Teilnahmslosen. Wer Erinnerung unterbindet oder unterlässt, macht die Opfer ein zweites Mal zu Opfern.“ 2 Erinnerung bedeutet so besehen, den Versuch, sich mit den Opfern zu identifizieren und die Fähigkeit zum Mitgefühl zu entwickeln – eine Fähigkeit, die für die Demokratie unverzichtbar ist. Die Erinnerung an die Opfer hat neben individuellen auch öffentliche Bedeutungen. Sie ist Teil der gesellschaftlichen Selbstverständigung über die Normen des Zusammenlebens: „Erst die Sensibilität gegenüber den unschuldig Gemarterten, von deren Erbe wir leben, erzeugt auch eine reflexive Distanz zu eigenen Überlieferungen, eine Empfindlichkeit gegenüber den abgründigen Ambivalenzen der Überlieferungen, die unsere eigene Identität geformt haben.“ 3 Darüber hinaus bringt die Perspektive der Opfer rechtlichen und politischen Handlungsbedarf von Staat und Gesellschaft hervor. Die dabei verwendeten Maßnahmen wie Wieder1 Insbesondere bei der politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einer diktatorischen Vergangenheit geraten die Opfer durch die Versuche der Aktualisierung und Theoretisierung zu oft aus dem Blick. Für die Opfer der SED-Diktatur hat z.B. Jürgen Fuchs dies eindrucksvoll thematisiert. Vgl. FUCHS 1994, bes. S.695-701. 2 GREINER 1993. Vgl. auch ADORNO 1977, S.558. 3 HABERMAS 1990, S.155. www.fes-online-akademie.de Seite 3 von 20
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