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Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie
Entstehung
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Peter Hurrelbrink Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie 3.3 Kollektives Gedächtnis Erinnerung lässt sich auch als die Aktivierung bestimmter Inhalte des Gedächtnisses be­schreiben, als ein jeweils aktueller Vorgang des Rückrufens spezifischer Inhalte aus dem Reservoir des umfassenderen Gedächtnisses. Das Gedächtnis ist gewissermaßen die Dispositionsmasse, aus der die Erinnerung sich auswählend und aktualisierend bedient. Erinnerung und Gedächtnis sind weder gleich noch entgegengesetzt, sie sind vielmehr komplementär aufeinander angewiesen. Gedächtnisforschung hat heute Konjunktur. Ein Grund dafür scheint darin zu bestehen, dass für das Problem der längerfristigen, generationenübergreifenden Weitergabe von Identitätsstiftung durch Erinnerung neue Ansätze gesucht werden. Tatsächlich besteht ja für die nachgewachsenen Generationen in Deutschland, da sie die NS-Zeit nicht mehr in ihren Erinnerungen verkörpern, die Notwendigkeit für anders als über die Erlebensge­schichte vermittelte Zugänge zur Vergangenheit. Maurice Halbwachs hat bereits in den 1920er Jahren die gesellschaftlichen Rahmenbe­dingungen des Gedächtnisses untersucht. Unter dem Begriff dermémoire collective in­terpretiert er das Gedächtnis als ein soziales Phänomen und stellt die Bezugsrahmen her­aus, ohne die sich kein individuelles Gedächtnis konstituieren könnte. 33 Seine zentrale These ist die von der sozialen Bedingtheit des Gedächtnisses- demnach gibt es kein Ge­dächtnis, das nicht sozial ist. Es sind immer die Individuen, die sich erinnern. Sie erinnern ihre eigene Geschichte aber nicht kontextlos und nicht unter selbstgewählten Umständen. Selbst die noch so privaten Erinnerungen des Einzelnen bilden sich für Halbwachs in der Kommunikation und Interak­tion mit anderen, sie entstehen stets auf dem Boden der Gesellschaft.Was ich erinnere, so legt Jan Assmann die Thesen Halbwachs aus,erinnere ich mit Blick auf andere und dank der Erinnerung anderer. Es gibt mithin keine ganz scharfen Grenzen zwischen eige­nen und fremden Erinnerungen, einmal, weil sie im Prozess alltäglicher Gegenseitigkeit und unter Verwendung gemeinsamer Bezugsrahmen entstehen, und zum anderen, weil jeder Mensch auch Erinnerungen anderer mit sich trägt. 34 Ein weiteres wesentliches Merkmal desKollektivgedächtnisses besteht darin, dass sich in ihm die Vergangenheit nichtobjektiv zu bewahren vermag, sondern dass in der Regel nur das erinnert wird, was die jeweilige Gesellschaft mit ihren jeweiligen Bezugsrahmen rekonstruiert. Vergangenheit ist so gesehen einesoziale Konstruktion, deren Beschaffen­33 Vgl. HALBWACHS 1985. 34 ASSMANN 1991, S.346. www.fes-online-akademie.de Seite 12 von 20