Peter Hurrelbrink Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie rungen der Mitlebenden, die natürlich sehr unterschiedlich sind, und einem identitäts- und sinnstiftenden, verbindlicherem Kulturgedächtnis immer eine Lücke klaffen wird. Kulturelle Sinngebungen werden sich immer an unterschiedlichen Vergangenheitsinterpretationen und an den differenten Erfahrungen und Erinnerungen der Erlebensgenerationen brechen und dauerhaft umstritten bleiben. Eine demokratische Erinnerungskultur muss dieser unvermeidlichen Tatsache unter anderem durch einen auf gegenseitige Anerkennung basierenden freiheitlichen und pluralistischen öffentlichen Diskurs gerecht werden. IV. Die anhaltende Bedeutung der Erinnerung für die politische Kultur der Demokratie Die vorstehenden Überlegungen, so andeutend und verkürzend sie auch sind, sind keineswegs allgemeiner Konsens. Sehr wirkungsmächtig plädiert z.B. Hermann Lübbe für die politisch radikale Abwendung vom Nationalsozialismus, psychologisch besteht er aber auf einer für ihn„elementaren Pragmatik menschlicher Vergangenheitsbezogenheit“: Nicht die „zerschmetterte“, sondern nur die in eine neue Zukunft entlassene Identität könne eine diskreditierende Vergangenheit hinter sich lassen. Daher sei das„kommunikative Beschweigen“ des„Nicht-Rätsels“ Auschwitz die erfolgreiche Funktion der Bemühungen um die Integration der Subjekte in den neuen demokratischen Staat gewesen. 43 Nicht-Thematisierung der Vergangenheit zur Integration in das neue System: Diese funktionalistischen Überlegungen greifen entscheidend zu kurz. Nicht nur können Stabilitätserwägungen normative Überlegungen nicht ersetzen, im Gegenteil dient die Ausblendung retrospektiv entwerteter Überzeugungen und Verhaltensweisen der Stabilisierung von Selbstbildern gerade nicht. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit lähmt nicht die Zukunftsgestaltung, sondern schafft erst die Voraussetzungen dafür. Im übrigen ist die vermeintliche Option zwischen Zudecken und Selbstkritik eine falsch gestellte Alternative. Denn die Abwehr verstörender Erinnerungen, selbst wenn sie funktional wäre, lässt sich nicht arrangieren, sie funktioniert nicht mit Willen und Bewusstsein. 44 Hier liegen die entscheidenden Grundirrtümer von Lübbe und vielen anderen, die seine Positionen vertreten. Im deutlichen Gegensatz dazu wird hier angenommen,„dass die Stabilität von politischen Regimen ganz wesentlich von der Übereinstimmung zwischen den ‚objektiven’ politischen Systemen und den ‚subjektiven’ Einstellungen der Menschen, die in diesen Systemen leben, abhängt.“ 45 Politische Systeme werden von zwei grundlegenden Elementen getragen: Der Struktur und der Kultur. 46 „Kultur“ meint dabei primär ein System verinnerlichter Werte, 43 LÜBBE 1983, S.589 und S.594. 44 Vgl. z.B. HABERMAS 1994, S.47. 45 SCHWAN 1993, S.282. 46 Vgl. z.B. LIPP 1996, S.82f. www.fes-online-akademie.de Seite 15 von 20
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