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Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie
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Peter Hurrelbrink Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie gutmachung, Entschädigung und Rehabilitierung verfolgen das Ziel, die betroffenen Men­schen vom Makel der Verurteilung, der Stigmatisierung und Verfolgung zu befreien. Sie sind eine Entschuldigung der Gesellschaft bei den Opfern. 4 So verstanden beschreibt Wie­dergutmachung eine umfassende ethische, moralische, rechtliche, politische und auch materielle Anerkenntnis der Opfer als Opfer. In einer Demokratie kann sie keinesfalls als Reduktion von Schuld auf Schulden, gleichsam alsKommerzialisierung der politischen Moral behandelt werden. 5 Vielmehr ist sie nach einer Diktatur nicht von der notwendigen grundlegenden Demokratisierung zu trennen. Zudem lässt sich an den Diskussionen über Wiedergutmachung ablesen, welche Verbrechen überhaupt als solche betrachtet werden ein Indikator für den jeweiligen Stand der politischen Kultur. Die Erinnerung an die Opfer darf jedoch keine reine Funktion der Gegenwart sein. Jürgen Habermas formuliert dieses Postulat so:Eine ausschließliche Konzentration auf das, was die Tat und die Täter für uns bedeuten, müsste den moralischen Kern des Mitleidens mit den Opfern aushöhlen. Der unbedingte moralische Impuls zum Erinnern darf nicht durch den Kontext der Selbstvergewisserung relativiert werden. Der Opfer(...) können wir ernst­haft nur um ihrer selbst willen gedenken. 6 2.2 Die Aufgaben der Wissenschaften Neben der Erinnerung an die Opfer besteht die Voraussetzung für jede Form von Aufar­beitung in der Enthüllung des verbrecherischen und unrechtsstaatlichen Charakters des untergegangenen Systems durch die Erforschung und Sicherung der historischen Fakten. Zur wissenschaftlichen Untersuchung gehört es, fundierte Kenntnisse über den Aufbau des politischen Systems und seiner Institutionen zu gewinnen und zu vermitteln. Dies ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für den Erfolg jeglicher Aufar­beitung. Sie ermöglicht es, die politische Verfassung und die sie tragenden Institutionen im Sinne der Demokratie umzugestalten. Außerdem ermöglicht die Offenlegung von Funktionsweisen, Hierarchien und Befehlsstrukturen der Diktatur eine differenzierte Beur­teilung des Verhaltens der Menschen in ihren unterschiedlichen Rollen und Verantwort­lichkeiten. Darüber hinaus haben die Wissenschaften eine nicht zu ersetzende gesellschaftliche Funktion, indem sie methodisch gesicherte Fakten über die Vergangenheit öffentlich zur Verfügung stellen. Die Geschichte als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand wird zugleichzum Bezugspunkt moralischer Selbstbefragung und in dieser Verschränkung von 4 Vgl. z.B. WEYRAUCH 1991, S.114. 5 MOSER 1993, S.81. 6 HABERMAS 1999. www.fes-online-akademie.de Seite 4 von 20