Peter Hurrelbrink Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie 3.2 Identität Die zeitlich und sozial eingebundene Erinnerung ist eine wesentliche Ressource für die Herausbildung der individuellen und kollektiven Identität. Wie jene ist auch diese ein soziales Phänomen und geht stets einher„mit komplexen Ausbalancierungsprozessen interner Wertebilanzen.“ 29 Jeder Mensch braucht zur Stabilisierung seiner Persönlichkeit eine gefestigte Identität, auf deren bestandssichernde Funktion er sich- insbesondere in Krisensituationen- zurückzuziehen vermag. Identität ist„eine Sache des Bewusstseins, d.h. des Reflexivwerdens eines unbewussten Selbstbildes. Das gilt im individuellen wie im kollektiven Leben.“ Sie„baut sich im Einzelnen auf kraft seiner Teilnahme an den Interaktions- und Kommunikationsmustern der Gruppe, zu der er gehört, und kraft seiner Teilhabe an dem Selbstbild der Gruppe.“ 30 Unter einer kollektiven oder„Wir-Identität“ ist das Bild zu verstehen, das eine Gruppe von sich selbst aufbaut und mit dem sich deren Mitglieder identifizieren. Kollektive Identität konstituiert sich durch die Identifikation der am Kollektiv beteiligten Individuen mit den gemeinsam geteilten Vorstellungen über Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Es gibt sie also nie„an sich“ und unveränderlich, sondern immer nur in dem Maße und so lange, wie sich die Individuen zu ihr bekennen. 31 Ein Selbst, d.h. die personale Identität, ist ohne Erinnerung und ohne die Kommunikation und Interaktion mit anderen nicht zu haben. Ohne sie lassen sich weder Individualität noch Identität ausbilden. Die personale Identität ist deshalb ein Bewusstsein von sich, das zugleich ein Bewusstsein der anderen ist, der Erwartungen, die sie an einen richten sowie der Vorstellungen von den gemeinsamen Normen des Zusammenlebens. Nach der Befreiung von einer unrechtsgeprägten Vergangenheit lässt sich eine neue, nun demokratische Identität ohne Erinnerung, ohne eine Neuausbalancierung von Werten und Normen nicht ausbilden. Insofern gibt es eine untrennbare Wechselwirkung zwischen Erinnerungsbereitschaft und der Konstituierung einer neuen Ich- und Wir-Identität: Erinnerung ist identitätsbildend-„und zwar gleichermaßen für die individuelle Identität wie für die Identität des Kollektivs. Jeder, der sich für die eigene persönliche Identität interessiert, muss sich auch für das Gedenken des Erbes interessieren. Die Erinnerung ist der Zement der Identität.“ 32 29 EMRICH 1996, S.46. 30 ASSMANN 1997, S.130. 31 Vgl. z.B. MÜTTER 1993, S.35. 32 MARGALIT 1997, S.201. www.fes-online-akademie.de Seite 11 von 20
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