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Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie
Entstehung
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Peter Hurrelbrink Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie heit sich aus den Sinnbedürfnissen und Bezugsrahmen der jeweiligen Gegenwart her er­gibt. Vergangenheit steht nicht naturwüchsig an, sie ist eine kulturelle Schöpfung. 35 Gedächtnis- und in dessen Rahmen Erinnerungstätigkeit sind also keine reinen Aufbewah­rungs-, sondern Konstruktions-, im besten Falle Rekonstruktionsarbeiten. Erinnerung ist kein bloßer Speicherungs- und Abrufvorgang, keine bloße Reproduktion, sondern ein komplexer Vorgang einer neuen, von der Gegenwart bestimmten Synthese verschiedener Bedeutungsgehalte, die aus der Vergangenheit in die jeweilige Gegenwart hineinreichen. Anders formuliert: Findet Geschichte ihren Gegenstand in der Vergangenheit, erweist sich individuelles und kollektives Erinnern als ein Phänomen der Gegenwart; es hat viel mehr mit gegenwärtigen Selbstbildern und Wertebilanzen als mit der Vergangenheit selbst zu tun. In diesem Sinne ist die Vergangenheit eine Form individueller und kollektiver Selbst­thematisierung, das kollektive Gedächtnis steht immer in einer auswählenden, interpretie­renden und wertenden Beziehung zu ihr. Hier liegt auch der Grund dafür, warum sich die Auseinandersetzung mit einer schwierigen Vergangenheit unter pluralistischen Bedingungen konflikthaft vollzieht und stets umstritten ist. Mithin kommt es bei derAufarbeitung der Vergangenheit nicht darauf an, nach einem objektiven Kernbestand der Vergangenheit, sondern nach den der Rekonstruktion der Vergangenheit zugrundeliegenden gegenwärtigen Normen und Selbstbildern zu fragen. 3.4 Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis Das von Maurice Halbwachs zuerst entwickelte Konzept eines kollektiven Gedächtnisses nutzt insbesondere Jan Assmann, um unter diesem Obergriff zwei Unterformen des Kol­lektivgedächtnisses zu differenzieren: Daskommunikative und daskulturelle Gedächt­nis. 36 Das von Assmann konzeptionalisiertekommunikative Gedächtnis umfasstErinnerun­gen, die der Mensch mit seinen Zeitgenossen teilt. Der typische Fall ist das Generationen­Gedächtnis. Dieses Gedächtnis wächst der Gruppe historisch zu; es entsteht in der Zeit und vergeht mit ihr, genauer: mit seinen Trägern. Wenn die Träger, die es verkörperten, gestorben sind, weicht es einem neuen Gedächtnis. 37 Das kommunikative Gedächtnis stellt einen durch persönlich verbürgte und kommunizierte Erfahrung gebildeten Erinne­rungsraum dar. Es umfasstjene Formen der kollektiven Erinnerung, die auf kommunikativ geteilten, leibhaftig gemachten Erinnerungen beruhen oder auch nur auf der persönlichen 35 ASSMANN 1997, S.48. 36 Vgl. v.a. ebd.(insgesamt). 37 Ebd., S.50. www.fes-online-akademie.de Seite 13 von 20