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Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie
Entstehung
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Peter Hurrelbrink Die Bedeutung der Erinnerung für die Demokratie III. Erinnerung, Gedächtnis und Identität 3.1 Erinnerung Nach dieser Skizze verschiedener Dimensionen derAufarbeitung der Vergangenheit sollen nun einige der Medien, in denen diese Prozesse stattfinden, etwas näher betrachtet werden. Das entscheidende Medium ist dabei die Erinnerung. Sie lässt sich näherungs­weise alsdas unwillkürliche oder willentliche Wiederauftauchen von Bewusstseinsinhalten beschreiben, die dem ursprünglichen Erleben mehr oder weniger ähnlich sind oder zu sein scheinen. 25 Dabei spielt, gerade im Kontext fehlgeschlagenen Verhaltens in der Vergangenheit, die Erkenntnis eine wichtige Rolle,dass Erinnerung an eigenes und frem­des Verhalten immer mit inneren Wertebilanzierungen(...) einhergeht. Die Erinnerung sagt mir nicht einfach: ‚So war es. Sie verbindet damit die Einschätzung: ‚So war ich, so bin ich von meinem Selbstbild, von meinen Werten abgewichen oder nicht, und dies kommt durch die Erinnerung für die Einschätzung meines Selbstwertes heraus. 26 Bei den psychoanaly­tisch gut bekannten Phänomenen Verdrängung, Verleugnung oder Projektion besteht der interne psychische Mechanismus darin, einen schuldbehafteten Tatbestand aus eben die­ser Wertebilanzierung herauszunehmen und damit das eigene Selbstbild scheinbar unbe­rührt zu lassen. Erinnerung, die sich alskritisches Erinnern bezeichnen ließe, meint in diesem Kontext vor allem die Fähigkeit und die Bereitschaft des einzelnen,seine Rolle innerhalb des überwundenen Systems zu reflektieren, seine eigene Lebensgeschichte in die durch das System geprägten Rahmenbedingungen seiner eigenen Existenz zu stellen und schließ­lich zu einer politisch-ethischen oder moralischen Einschätzung seiner eigenen Verhal­tensweise, seiner ‚Verantwortung oder ‚Schuld zu kommen. 27 Die Inhalte dieser Erinnerung sind dabei keineswegs kontextlos, konstant oder jederzeit abrufbar. Sie sind vielmehr zeitlich und sozial gebunden und geprägt. Im Prozess des Er­innerns wird die Vergangenheit nicht nur durch die eigenen psychischen Dispositionen geordnet, sie steht,gleichgültig ob individuell, familial, gruppenspezifisch, staatlich, immer im Dienst der Gegenwart. 28 Welche Erfahrungen aus der Vergangenheit für die Gegen­wart und das eigene Selbstbild als relevant betrachtet werden, hängt auch von normativen Voraussetzungen ab, die aus der jeweiligen Gegenwart an das erinnernde Subjekt und die sich erinnernde Gesellschaft herangetragen werden. 25 MOLTMANN 1993, S.18. 26 SCHWAN 1997b, S.97. 27 STEINBACH 1994, S.30f. 28 ASSMANN/ FREVERT 1999, S.173. www.fes-online-akademie.de Seite 10 von 20