FES-Analyse: Kuba 3 Nachfolge zu Lebzeiten: Das Ende der Ära Fidel Kuba erlebt derzeit ein Szenario, das nach 47 Jahren unter einer alles dominierenden Führungsrolle Fidel Castros kaum jemand erwartet hatte: Eine Amtsnachfolge zu Lebzeiten. In der tiefen Krise der 1990er Jahre hatte es immer wieder Spekulationen über einen Rücktritt oder zumindest eine partielle Aufteilung der Funktionen des allgewaltigen Comandante en Jefe gegeben, die sich jedoch regelmäßig als Irrtum herausstellten. In der Folge hatte sich bei Freund wie Feind die Aussicht festgesetzt, dass Fidel Castro bis zu seinem Tode im Amt bleiben würde. Einige hofften vielleicht auf einen vorzeitigen Sturz, aber ein freiwilliger Amtsverzicht tauchte kaum noch in irgendeinem Zukunftsszenario auf. Doch vor inzwischen acht Monaten musste sich Fidel einer Notoperation unterziehen. Vier Tage später, am 31. Juli, ließ er im kubanischen Staatsfernsehen eine Erklärung verlesen, die eine als „vorläufig“ charakterisierte Übergabe seiner Ämter und Funktionen bekannt gab. Die kubanische Führung stellt zur Verblüffung vieler unter Beweis, dass sie (zumindest fürs Erste) eine solche Nachfolge nach Drehbuch inszenieren kann, ohne dass Risse in der Führungsriege oder Unruhe auf den Straßen sichtbar würden. Am 30. Januar zeigte sich Fidel Castro erstmals seit langer Zeit wieder im kubanischen Fernsehen mit augenscheinlich verbessertem Gesundheitszustand. Die USA, die vollmundig verkündet hatten, dass es sich um Darmkrebs im Endstadium handele und der Tod Castros eine Frage von Wochen sei, stehen blamiert da. Sie hatten als unumstößliche Marschrichtung die Parole„from succession to transition“ vorgegeben: Von der bloßen Nachfolge innerhalb des Systems müsse und werde es zu einer Transition im Sinne eines politischen Regimewechsels zu pluralistischer Demokratie und freier Marktwirtschaft kommen. Gleichwohl bleiben auch die vorgestanzten Formulierungen der Kader in Havanna wenig überzeugend, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis er wieder seine angestammten Funktionen übernehme und dass überhaupt alles seinen gewohnten Gang gehe. Die Wirklichkeit dürfte vermutlich komplizierter sein als diese beiden Varianten suggerieren. Ungeachtet der jeweils neuesten medizinischen Bulletins über Castros Krankheit hat sich in Kubas Führung eine Wachablösung vollzogen, die kaum„vorläufig“ scheint. Dass Fidel selbst bei der großen Militärparade am 2. Dezember in Havanna fehlte und Militär und Volk an Raúl und der Führungsriege um ihn vorbeidefilierte, war nicht nur eine aus medizinischen Gründen geborene Notwendigkeit, sondern auch ein bewusstes Einüben von Loyalität für die Zeit nach Fidel. Alle in Kubas Führung wollen Fidel, solange es irgend geht, als Symbolfigur und Blitzableiter, auf den sich die stärksten Emotionen von Freund und Feind konzentrieren. Doch selbst wenn Fidel seine formalen Ämter wieder übertragen bekommen sollte, wäre dies vor allem ein symbolischer Schritt. Dass er jedoch jemals wieder die gleiche überdimensionale Machtposition einnimmt wie vorher, also eine Rückkehr zum Status quo ante, scheint eine überaus unwahrscheinliche Perspektive. In diesem Sinne ist in Kuba in der Tat bereits jetzt die Ära nach Fidel angebrochen. Ein politischer Regimewechsel allerdings steht auf einem anderen Blatt. Die Nachfolge Castros vollzieht sich innerhalb der herrschenden Elite; sie umfasst einen substantiellen Wandel im Charakter des zuvor hochgradig personalisierten politischen Systems, aber keinen Systembruch. Der in Miami so beliebte Autoaufkleber mit dem Slogan„No Castro – No Problem!“ bleibt wohl vorerst eben das: ein Wunschzettel an Autos in Miami.
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