Print 
Kuba in der Nach-Fidel-Ära
Place and Date of Creation
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

FES-Analyse: Kuba den Außenminister Felipe Pérez Roque den politi­schen Ziehsohn Fidel Castros und führenden Expo­nenten jener jüngsten Generation von Kadern, die erst seit den 1990er Jahren ins politische Rampenlicht ge­treten sind; und schließlich mit dem Zentralbank­Präsidenten Francisco Soberón Valdés einen Vertreter des administrativen, technokratischen Apparats. Es fällt auf, dass sich keine einzige Frau in der neuen Führungsriege befindet selbst dann, wenn wir die Liste um einen zweiten Ring der Macht erweitern (s. S. 8). Nachdem der Sozialismus geschlechterbezo­gene Diskriminierung offiziell seit fast fünf Jahrzehn­5 ten überwunden hat, wird sorgsam auf einen relativ hohen Anteil an Frauen in den Ämtern von Staat und Partei geachtet. Es ist mehr als ernüchternd, wie we­nig reale Macht nach wie vor damit verbunden ist. Im kritischen Moment der Fidel-Nachfolge, wo es nicht um symbolische Integration und öffentlich vorzeigbare Quoten, sondern um die reale Macht­balance im Apparat geht, sieht die Führung keine Notwendigkeit, auch nur eine einzige Frau einzu­beziehen. Vom charismatischen zum bürokratischen Sozialismus? Vier der sechs von Fidel namentlich aufgeführten Erben hinter seinem Bruder Raúl gelten als Hardliner. Balaguer etwa diente als Botschafter Ku­bas in der Sowjetunion unter Gorbatschow und bezog dabei frühzeitig Position gegen jeglichen Anflug von Perestroika und Glasnost, die er als sicheren Weg ins Verderben sah. Mitte der 1990er Jahre brachte er als Kontrolleur des Politbüros das prominenteste Zentrum der Reformdiskussion in Kuba mit harter Hand auf Linie. Aber auch der junge Außenminister Pérez Ro­que hat sich mit solchem Sturm und Drang als funda­mentaler Hardliner präsentiert, dass er und die jungen Kader um ihn im Volksmund bissig alsTaliban eti­kettiert werden. Die beiden Ausnahmen sind Carlos Lage, der als Architekt der Wirtschaftsreformen der frühen 1990er Jahre gilt, und der technokratisch­sachliche Zentralbank-Chef Soberón. Gleichwohl fällt auf, dass die kubanische Regie­rung seit dem 31. Juli vergleichsweise leise Töne angeschlagen hat. Dies gilt insbesondere für Raúl Castro, der seit seiner Amtsübernahme bemer­kenswert wenig öffentlich in Erscheinung getreten ist. Im einzigen programmatischen Text, den er Wo­chen nach seiner Amtsübernahme als Interview in der ParteizeitungGranma veröffentlichte, erklärt er dies wie folgt:Ich bin immer diskret gewesen, das ist mein Charakter, und das werde ich bleiben. Aber das war nicht der Hauptgrund, warum ich wenig in den Massenmedien erschienen bin; es war ganz einfach nicht nötig. Eine solche Zurückhaltung ist gerade­zu die Gegenthese zu Fidels charismatischer Füh­rung, die unbedingt auf die direkte Kommunikati­on zum Volk als zentralem Vehikel der Massen­mobilisierung setzte. Auch an anderer Stelle ist Raúl um ein eigenes, nüch­ternes Profil bemüht. Zwar gelobt dasGranma­Interview allenthalben Kontinuität, geißelt die Kuba­Politik der Bush-Regierung und feiert die Unerpress­barkeit der Revolution; mehr noch aber fällt auf, wie ausdrücklich in der Folge Verhandlungsbereitschaft betont wird. Hierfür greift Raúl Castro auf eine gera­dezu bizarr anmutende Form der indirekten Rede zu­rück, nur damit ja niemand in seinen Aussagen einen Widerspruch zur bisherigen Haltung der kubanischen Regierung herauslesen kann:Beim abermaligen Le­sen der Parteitagsdokumente fand ich Ideen, die heute geschrieben sein könnten, so Raúl. Daraufhin zitierte er zwei bereits in den 1980er Jahren formulierte Text­passagen, die Kubas Bereitschaft zu einer Normalisie­rung der Beziehungen zu den USA beteuern, solange diese auf gleicher Augenhöhe und mit Respekt vor der kubanischen Souveränität erfolgten. Der Kontrast zum jüngsten Auftritt Hugo Chávez vor der UN­Vollversammlung(Hier stand der Teufel es riecht noch nach Schwefel!) ist nicht zu übersehen. Dazu passt, dass Raúl Castro gleich bei seinem ersten gro­ßen öffentlichen Auftritt der Eröffnung des Block­freiengipfels in Havanna in Schlips und Anzug auf­trat, nicht im gewohnten Oliv. Stilfragen, zweifelsoh­ne, aber doch auch Gesten in einem Feld, wo aus Stil­fragen und diplomatischer Etikette nur allzu gerne große Politik gemacht wird. Der Politikwandel zeigt sich nicht zuletzt an der so genannten Batalla de Ideas, der von Fidel Castro ins Leben gerufenenSchlacht der Ideen, die bis vor kurzem in Regierungsdiskursen und staatli­chen Medien nahezu omnipräsent war. Die Batalla de Ideas ist für Fidel eine rhetorische Formel, die