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Kuba in der Nach-Fidel-Ära
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10 hin zum Auftauchen von Krankheiten, die auf Man­gelernährung zurückzuführen waren. Erste Reform­schritte nach 1989 waren allein auf den externen Sek­tor beschränkt, allen voran die forcierte Öffnung für internationalen Tourismus und das Werben um Joint Ventures mit Auslandskapital. Diese waren jedoch unzureichend, um den Absturz der kubanischen Öko­nomie zu stoppen. Als 1993 die Importkapazität unter die Zwei­Milliarden-Grenze zu stürzen drohte, die der Re­gierung als Überlebensminimum galt, griff Fidel Castro zu einem spektakulären Schritt, der Legali­sierung des US-Dollars als faktischer Hartwährung des Landes, verbunden mit der flächendeckenden Eröffnung von Devisenläden auf der Insel. Dies erschloss der kubanischen Ökonomie eine neue Devi­senquelle in Form der nunmehr legalen Überweisun­gen emigrierter Kubaner an ihre Familienangehörigen auf der Insel. Trotz des tiefen politischen Grabens zwischen dem Castro-Regime und den Auslandskuba­nern avancierten diese so genanntenRemittances binnen kürzester Zeit zur Hauptdevisenquelle der In­sel neben dem Tourismus. Ein altes spanisches Sprichwort besagt:Enemigo que huye, puente de plata, sinngemäß: Der Feind, der flieht, wird zur Brücke aus Gold. In Kuba wurden die Geldsendungen aus Miami zum Rettungsanker des Sozialismus. Zwei weitere Reformen der Binnenökonomie folgten 1993: Die Zulassung selbständigerArbeit auf eigene Rechnung für bestimmte Arbeitsberei­che zumeist im Dienstleistungsbereich oder Kleingewerbe und die Umwandlung der Staats­betriebe im Agrarsektor in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, die sogenannten Unidades Básicas de Producción Cooperativa (UBPC). Doch erst als es im folgenden Sommer aufgrund der unvermindert kritischen Versor­gungslage zu ersten Unruhen und der Massen­flucht von mehr als 30.000 Kubanern auf improvi­sierten Flößen kam, griff die Regierung zu dem mit Abstand wichtigsten Reformschritt, eben jener von Raúl Castro verkündeten Öffnung der Bauern­märkte, der in der Tat eine offenkundige Verbes­serung der Versorgungslage brachte. Die den kubanischen Streitkräften unterstehenden landwirtschaftlichen Betriebe spielten eine zentrale Rolle dabei, auf den Agrarmärkten in großem Umfang Waren anzubieten. Die Produktion aus den militäri­schen Betrieben, die in Konkurrenz zu den Erzeugnis­sen der freien Bauern trat, war ein unverzichtbarer Hebel der Regierung, um die Preise auf diesen Märk­FES-Analyse: Kuba ten im Zaum zu halten. Die FAR haben sich sowohl mit ihren Militäreinsätzen im Ausland in den 1970er und 1980er Jahren als auch bei den diversen Katastro­phenschutzmaßnahmen bei den alljährlichen Hurri­kans einen Ruf als autoritär, aber effizient erworben. Die Präsenz auf den Agrarmärkten ist auch der Ver­such, dieses Image auf einen für die Bevölkerung sehr sichtbaren Bereich der Wirtschaft zu übertragen. In dem Maße, in dem sich ab Mitte der 1990er Jah­re Stabilisierungserfolge einstellten, nahm der Re­formelan der Regierung Fidel Castros jedoch wieder ab. Die begrenzte Marktöffnung wurde seit der zweiten Hälfte der 1990er wieder peu à peu zu­rückgedreht. Dies geschah in der Regel nicht durch eine Rücknahme der entsprechenden Gesetze, sondern auf stillem Wege durch zunehmende Auflagen und Schikanen, sei es dadurch, dass keine Lizenzen mehr erteilt oder erneuert wurden, sei es durch die Schlie­ßung von Kleinrestaurants mittels genauer Auslegung der Hygienevorschriften. Die Autonomie der staatli­chen Betriebe und Produktionsgenossenschaften wur­de eingeschränkt, eine stärkere Zentralisierung hielt wieder Einzug. Nicht mehr wirtschaftliches Überle­ben, sondern diePerfektionierung des Sozialis­mus hieß nun die Devise. Sichtbarstes Signal des Reform-Rollbacks war schließlich im Oktober 2004 die Verbannung des elf Jahre zuvor legali­sierten US-Dollars. An seine Stelle trat derPeso convertible, der fix an den US-Dollar gebunden ist, wobei der Umtausch jedoch mit einem zehnprozenti­gen Abschlag verbunden wird. Möglich wurde diese Abkehr von den früheren Reformschritten u.a. durch die Konsolidierung der Anfang der 1990er Jahre erschlossenen neuen De­visenquellen. Zu nennen sind neben dem Tourismus und den Geldsendungen von im Ausland lebenden Kubanern auch erfolgreiche Joint Ventures in strategi­schen Exportsektoren mit hohen Weltmarktpreisen wie Nickel und Tabak. Diese konnten den unaufhalt­samen Rückgang der Zuckerrohrproduktion, dem einstigen ökonomischen Rückgrat der Insel, von 8,4 Millionen Tonnen 1989 auf gerade noch 1,1 Millionen Tonnen in der Erntesaison 2005/06 kompensieren. Vor allem aber kommt eine veränderte internatio­nale Situation hinzu, seit im ölreichen Venezuela mit Hugo Chávez ein Bündnispartner erwachsen ist, der seit seinem Amtsantritt im Februar 1999 die Beziehungen zwischen beiden Staaten kontinu­ierlich zu einer umfassenden wirtschaftlichen, poli­tischen und auch sicherheitspolitisch-militärischen Allianz entwickelt hat.