Der bei weitem angesehenste, aber ungeheuer überschäßte Poet des Zeitalters, Martin Opiz, trat ausdrücklich für Reinlich keit der deutschen Sprache, Verse und Reime" ein. Er räumte so ziemlich gründlich auf in der Rumpelkammer der deutschen Poesie, etwas später merkte man freilich, daß er nur die leere Bude und kahle, nackte Wände zurückgelassen hatte: er war ja fein Dichter!
Ein buntscheckiges Bild der sprachlichen Zustände gibt, zugleich mit der Absicht, dieselben zu geißeln, Andreas Gryphius in seinem Drama ,, Horribilicribrifax oder der schwermende Liebhaber", in dem der auftretende Schulmeister von Latein und Griechisch triest, der Hauptmann Horribilicribrifar von Donnerkeil auf Wuſthausen bringt masseuhaft italienische Worte und Floskeln an, der Kapitän Diridaradatumdarides Windbrecher von Tausendmord französische, und endlich ein Jude mengt unter sein mauschelndes Judendeutsch holländisch. Den Hörern dieses Theaterstückes muß dabei angst und bange geworden sein und sie werden bei diesem Sprachallerlei sehr viel auch nicht verstanden haben.
Die romanischen Kulturen waren eben der deutschen so gewaltig überlegen, daß man blindlings alles pon den Welschen zu über nehmen nicht abgeneigt gewesen wäre. Aber wie in Rom Cicero und Valerius Maximus sich scharf und schneidig gegen das Einmengen griechischer Worte kehrten, als die griechische Kultur zu
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Rom dieselbe Stellung einnahm, wie später die französische zur deutschen, wie ein römischer Grammatiker dem Kaiser Tiberius , der ein Wort seiner Prägung in die lateinische Sprache eingeführt wissen wollte, vorhielt:„ Man kann wohl Ausländern das Bürgerrecht ertheilen, aber nicht Worten!" so wendeten sich auch schon im 16. Jahrhundert wohlmeinende und gelehrte Männer gegen die Sprachmengerei, welche thatsächlich die Kluft zwischen Gebildeten und dem ,, ungebildeten Böfel" immer mehr erweitern half. Der Gebrauch von Fremdwörtern follte ja eines der Unterscheidungsmerkmale sein, durch welche sich die Vornehmen über das Volk zu erheben trachteten.
Luther , der für Sprache und Literatur von ungeheurer Bedeutung ist, hat sich in seinen auf ein theologisch gelehrtes Publikum berechneten Schriften nicht freigehalten von Fremwörtern; ganz anders verhält es sich aber in seiner für das ganze Volk bestimmten Bibelübersetzung, in der er die Ausdrucksfähigkeit der deutschen Sprache auf das glänzendste bewährte, und darin steht er weit über Vorgängern und Gleichzeitigen. Aber schon Aegidius Tschudi , ein Zeitgenosse Luthers und Verfasser der bekannten Schweizerchronik, sagt in seinem Werke, an einer Stelle sich gegen Fremdwörter wendend, von seinen gelehrten Zeitgenossen:„, sie können nit ein linien one latinische Wort schreyben", und knüpft daran Proben von Verdeutschungen.( Fortsetzung folgt.)
Von Dr. Max Vogler. ( Fortsetzung.)
Am 19. Oktober des genannten Jahres wurde der Dichter| 300 Rt., was sage ich, mit 200 Rt. auszukommen. NB. Das bei der juristischen Fakultät inskribirt. Er war an den Hofrath nicht mitgerechnet, was schon zum Henker ist." Böhmer, Professor an der Universität, empfohlen und bemühte sich anfangs, den ihm von diesem ertheilten Rath, seine eigensten Neigungen, die, wie gesagt, auf das Studium der schönen Wissen schaften, der Kunst und Geschichte gingen, zwar nicht völlig zurück zudrängen, sich aber vor allem, dem Willen des Vaters gemäß, auf die Jurisprudenz als Hauptfach zu werfen, zu befolgen und ernstlich zu studiren; aber weder die Vorlesungen auf dem einen, noch auf dem andern Gebiete vermochten ihn zu befriedigen, selbst das Kolleg über Literaturgeschichte bei Gellert nicht, und er zog es bald vor, die akademische Freiheit in vollen Zügen zu genießen, wozu er umsomehr in der Lage war, als man zuhause nicht versäumt hatte, ihm die Taschen mit vollen Beuteln zu füllen. Für seine Stimmung während der ersten Tage seines Aufenthalts in der Universitätsstadt sind folgende Stellen aus den an einen Freund gerichteten Briefen charakteristisch.
Leipzig , den 20. Oftober 1765, morgens um 6: Riese, guten Tag! Den 21. abends um 5: Riese, guten Abend! Ich lebe hier wie wie ich weiß selbst nicht recht, wie. Doch ungefähr
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So wie ein Vogel, der auf einem Ast
Im schönsten Wald sich Freiheit athmend wiegt, Der ungestört die sanfte Luft genießt, Mit seinen Fittigen von Baum zu Baum, Von Busch zu Busch sich singend hinzuschwingen. Genug, stellt Euch ein Vöglein auf einem grünen Aestlein in allen seinen Freuden für, so leb' ich."„ Ich habe heute zwei Kollegien gehört: die Staatengeschichte bei Professor Böhmer und bei Ernesti über Cicerons Gespräch vom Redner. Nicht wahr, das ging an? Die andre Woche geht Collegium philosophicum et mathematicum an. Gottscheben hab' ich noch nicht gesehen. Er hat wieder geheurathet. Eine Jgfr. Oberstlieutnantin. Ihr wißt es doch, sie ist 19 und er 65 Jahr. Sie ist 4 Schuh groß und er 7. Sie iſt mager wie ein Häring und er dick wie ein Federsack. Ich mache hier große Figur! Aber noch zur Zeit bin ich kein Stußer; werd' es auch nicht. Ich brauche Kunst, um fleißig zu sei. In Gesellschaften, Konzert, Komödie, bei Gastereien, Abendessen, Spazirfahrten, soviel es um diese Zeit angeht. Ha! das geht köstlich. Aber auch föstlich kostspielig. Zum Henker, das fühlt mein Beutel. Halt! rettet! haltet auf! Siehst du sie nicht mehr fliegen? Da marschiren zwei Louisd'or. Helft! Da ging einer. Himmel! Schon wieder ein paar Groschen sind hier, wie bei Euch Kreuzer draußen im Reiche. Aber dennoch kann hier einer sehr wohlfeil leben. So hoffe ich des Jahrs mit
Bedeutenden Einfluß übte die geistreiche Frau des Hofraths Böhmer auf ihn aus. Sie bemühte sich nicht blos, ihn Anstand und feine Lebensart zu lehren, sondern auch seinen ästhetischen Geschmack zu läutern, indem sie ihm u. a. unumwunden sagte, daß seine bisherigen Arbeiten zu nichts taugten, als das Kaminfeuer damit anzumachen; und in der That hatte dieses bittre Urtheil den Erfolg, daß er sich bei nochmaligem Nachlesen von der Wahrheit desselben überzeugte und eines Abends Poesie und Prosa, Pläne, Skizzen und Entwürfe sämmtlich zugleich auf dem Küchenherde" verbrannte. Auch durch eine Anzahl literarisch feiner gebildeter Tischgenossen im Hause des Weinhändlers Schönkopf , in welches ihn sein um zehn Jahre älterer Landsmann und nachheriger Schwager, der damals auf der Durchreise einige Zeit in Leipzig anwesende Johann Georg Schlosser einführte, fand er mannichfache Anregungen, und verliebte sich nebenbei in Schönkopfs schöne Tochter Anna Katharina oder Käthchen, die er in Wahr heit und Dichtung" unter dem Namen Aennchen und Annette erwähnt. Er erwarb sich auch die Gegenneigung Käthchens, verscherzte sie aber durch wiederholte tyrannische Grillen und eifersüchtige Launen, was er hinterher bereute und in wilden Zerstreuungen bei Pokal und Karten die bitteren Vorwürfe, die ihm das eigne Herz machte, zu betäuben suchte. Aber diese Mittel wollten nicht fruchten, und als er nur immer größerer Verzweiflung und Vereinsamung anheimfiel, suchte er den Trost da, wo ihn eben jeder ächte Dichter sucht und zu finden weiß: in der eigenen Brnst, indem er seine Gefühle dichterisch aussprach und in dieser Weise sanft die auf ihm ruhende Last löste. So schus er nicht blos eine Anzahl lyrischer Gedichte, in denen er feine Empfindungen ausströmte, sondern es entstand auch das Schäferspiel: Die Laune des Verliebten", welches die deutlichsten Beziehungen zu seinem Verhältniß mit Käthchen Schönkopf verräth, und in welchem er u. a. in offenbarem Hinblick auf sich selbst die Worte aussprechen läßt:
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,, Da er fein Elend hat, will er sich Elend machen...."
Es begann also damit, diejenige Richtung, von der er sein ganzes Leben nicht abweichen konnte, nämlich das, was ihn erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit sich selbst abzuschließen, um sowohl seine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als sich im Innern deshalb zu beruhigen."
Ein zweites Lustspiel, welches, wenigstens in seiner ersten Gestalt, während dieser Zeit entstand, sind sind ,, Die Mitschuldigen ", das erste einer Reihe von Stücken, die er nach molière'schem