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Chile : auf der Suche nach einem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
Entstehung
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2 FES-Analyse: Chile Chile in derLiga der Großen? Im Juni 2003 war es endlich so weit: Nach über zehn Jahren Verhandlungen konnte eine glück­liche chilenische Außenministerin in Miami das Freihandelsabkommen mit den USA unterschrei­ben. Während die chilenische Verhandlungsdele­gation sich vor laufenden Kameras jubelnd um den Hals fiel, lächelte der amerikanische Handels­beauftragte Robert Zoellick lediglich freundlich­kühl. Chiles BSP entspricht in etwa dem von Dallas/Texas, und für die USA lag die Bedeutung denn auch nicht im Abschluss mit Chile, sondern darin, gegenüber dem Rest Lateinamerikas ein Zei­chen zu setzen, dass man durchaus auch bilateral kann, wenn es multilateral in der WTO oder bei den Verhandlungen zur gesamtamerikanischen Frei­handelszone ALCA nicht wie gewünscht voran geht. Talk gently, but carry a big stick. Aber nicht nur die Verhandlungsdelegation und die Regierung, sondern auch die Öffentlichkeit rea­gierten auf die Unterzeichnung des Freihandels­Abkommens relativ begeistert. Diese Reaktionen sagen viel darüber aus, wie sich das Land selbst wahrnimmt und wie es gerne gesehen werden möchte: Ein Musterschüler, bevorzugter Part­ner der wichtigen und großen Länder der Er­de.Dieses Chile so formulierte es Präsident Ricar­do Lagos in seiner Ansprache an die Nation am 21. Mai 2003,hat einen Freihandelsvertrag mit der wichtigsten Macht der Erde, den Vereinigten Staaten von Amerika, erreicht. Die in Concep­ción, im Süden des Landes erscheinende Tages­zeitung El Sur brachte es noch deutlicher auf den Punkt:Chile in der Liga der Großen titelte das Blatt anlässlich der Unterzeichnung des Ver­trages. Chile in der Liga der Kleinsten müsste es eigent­lich eher heißen: die anderen Staaten, die bisher mit den USA bilaterale Freihandelsabkommen un­terzeichnet haben, sind Israel, Jordanien, Singa­pur und Hongkong. Und auch vom Gefühl der Anerkennung von institutioneller Stabilität, good governance und wirtschaftlicher Exzellenz dürfte eigentlich spätestens dann nicht mehr allzu viel übrig bleiben, wenn die nächsten Kandidaten in den exklusiven Club der Nationen mit Freihan­delsverträgen mit den USA aufrücken: die Staa­ten Zentralamerikas, mit denen Chile nur sehr un­gern verglichen werden möchte. Noch aber sonnt sich das Land in der Glorie des Freihandelsabkommens, und die Regierung ergeht sich in optimistischen Prognosen über die positi­ven Folgen des Vertrages: ein Wachstumsplus von zusätzlichen 0,7% des BIP durch gesteigerte Ex­porte, ein Schub an Auslandsinvestitionen und eine signifikante Steigerung der Produktivität der Wirt­schaft durch billigere Kapitalgüter werden vor­hergesagt. Eine Insel der Stabilität? Wo steht Chile heute, dreißig Jahre nach dem Putsch von 1973 und 15 Jahre nach der Wieder­gewinnung der Demokratie? Ist es tatsächlich das Musterland Lateinamerikas, dasgut geführte Haus in einem schlechten Viertel, als das es sich selbst sieht? Oder doch nur, wie es ein Kommentator auf der Höhepunkt einer Welle vermeintlicher und echter Korruptionsfälle Anfang des Jahre meinte, ein ganz normales lateinamerikanisches Land? Wahrscheinlich stimmt eher ersteres. Verglichen mit der großen Mehrheit der Staaten Latein­amerikas ist Chile eine Insel der Stabilität, Funk­tionalität und Rationalität. Der Staatspräsident Ricardo Lagos wird nicht müde zu betonen, dass in Chiledie Institutionen funktionieren. Das stimmt und mag gerade deswegen auf den ersten Blick banal erscheinen. Aber damit ist Chile eine