10 zeichnet werden. Auf der anderen Seite hat sich mit der Wahl Lulas in Brasilien und Nestor Kirchners in Argentinien so etwas wie eine neue politische Nähe zwischen den Regierungen der drei wichtigsten Staaten des südlichen Lateinamerikas ergeben. Entsprechend findet das Konzept einer engeren Koordination der Außen- und Außenwirtschaftspolitiken der„ABC-Länder“ wieder ein gesteigertes Interesse bei Teilen der außenpolitischen Funktionseliten. So hat Chile – mit persönlicher Beteiligung Ricardo Lagos – etwa hinter den Kulissen eine wichtige Rolle bei der Aushandlung des Kompromisses zwischen Argentinien und dem IMF im Herbst 2003 gespielt. Wo die Grenzen des Engagements in der Region liegen, zeigte sich allerdings im November, als Chile in letzter Minute versuchte, die brasilianische Position in den ALCA-Verhandlungen zu unterminieren und für einen umfassenden Vertrag warb. Eine andere Dimension dieser Rückbesinnung auf die Region ist die wirtschaftliche Seite: das Potential des Außenhandels in der Region ist bei weitem nicht ausgeschöpft, und für Chile sind die lateinamerikanischen Märkte von einem speziellen Interesse, weil der Anteil Lateinamerikas an den chilenischen Exporten von weiterverarbeiteten und Industriegütern weit überdurchschnittlich ist. Chile sieht hier – zu Recht – einen potentiellen Wachstumsmarkt in einem strategischen wichtigen Bereich. Gleichzeitig versucht die Regierung, Chile als operativen Standort für internationale Großunternehmen mit Ausrichtung auf den lateinamerikanischen Markt zu vermarkten. Langfristig kann eine solche Politik des„business hub“ für Lateinamerika nur funktionieren, wenn das Land sich aus der Position der„splendid isolation“ löst und die Beziehungen zu den Nachbarländern verbessert und verstetigt. Das wieder erwachte Interesse an der Region und die Unbotmäßigkeit in der Irak-Frage sollten allerdings in einer Hinsicht nicht fehl interpretiert FES-Analyse: Chile werden: Chile war, ist und bleibt ein Land, das sich tief im politischen und ökonomischen Orbit der USA befindet. Die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Handelspartner des Landes und ihr politischer und kultureller Einfluss ist immens und immer noch wachsend. Ein erheblicher Teil der Funktionseliten des Landes hat in den USA studiert oder – wie Ricardo Lagos – zeitweise dort gelebt. Fast alle wichtigen chilenischen Universitäten haben Abkommen mit USUniversitäten, Forschung und Lehre orientieren sich vollständig am amerikanischen Mainstream und Postgraduierten-Studien werden bevorzugt in den USA absolviert. Der Medienmarkt(Kabelfernsehen, Kino, Musik, Unterhaltungs- und Wirtschaftsliteratur) ist vollständig von amerikanischen Anbietern und/oder Inhalten dominiert. Englisch ist die einzige Fremdsprache, die junge Chilenen wirklich interessiert. Sollte Europa in Lateinamerika nach strategischen Partnern suchen, so kommt Chile – trotz der historischen Nähe zu Europa – immer weniger in Frage. Zumal sich diese Tendenz mit einem möglichen Wahlsieg der rechten Oppositionsparteien noch verstärken würde. Die linke Seite des politischen Spektrum ist aus verschiedenen Gründen stärker an Europa orientiert als die rechte: Viele ihrer Vertreter waren in Europa im Exil, und für die chilenische Linke stellt die europäische Form der Kombination von Marktwirtschaft und Sozialstaat ein attraktiveres Modell als der amerikanische Ellenbogen-Kapitalismus dar. Die deutsch-chilenischen Beziehungen Chile unterhält zu Deutschland im großen und ganzen geschäftsmäßige Beziehungen. In einigen Fällen und Bereichen gehen sie allerdings über dieses Normalmaß hinaus. Eine gar nicht so geringe Zahl von Vertretern der jetzigen politischen Funktionselite hat in den Jahren der Diktatur im deutschsprachigen Raum gelebt, und die deutschen politischen Stiftungen haben bei der Rück-
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Chile : auf der Suche nach einem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
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