12 dürfte es keinen unerwünschten Nebeneffekt darstellen, wenn chilenische Akademiker schon in jungen Jahren mit deutschen Verfahren und deutscher Technik in Berührung kämen. Die Umorientierung des Kooperationsangebotes Deutschlands in Richtung wissenschaftlich-technische Kooperation unter Einbeziehung des sich regional und inhaltlich ausdifferenzierenden Universitätssystems Chiles würde insofern eine klare WinWin-Konstellation darstellen. Bisher ist dies ungenügend genutzt worden. Allerdings hat über die mit dem EU-Freihandelsabkommen geschaffenen Kooperationsmöglichkeiten eine verstärkte Einbeziehung chilenischer Forschungseinrichtungen FES-Analyse: Chile in die europäische Forschungs- und Wissenschaftsprogramme begonnen. Wollen Europa und Deutschland in Lateinamerika langfristig nicht noch mehr Terrain verlieren, dann ist eine konsequente Umorientierung der Zusammenarbeit auf den Forschungs- und Technologiesektor notwendig ebenso wie eine verstärkte Konzentration auf jenen Teil Lateinamerikas, der am ehesten Ansätze für eine strategische Zusammenarbeit mit Europa bildet: der Cono Sur mit den entwickelten Volkswirtschaften in Brasilien, Argentinien und Chile. Das chilenische Wirtschaftssystem Im Mai veröffentlichte das Schweizer IMD seinen Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften(World Competitiveness Report, WCR). Chile schnitt dort überraschend gut ab. Auf Rang 16 unter den Volkswirtschaften mit weniger als 20 Millionen Einwohnern liegend, landete es noch zwei Plätze vor Bayern und acht Plätze vor der wohlhabendsten Region Europas, der Lombardei. Chile vor Bayern ist nun zunächst einmal Unfug und bestenfalls ein Lehrbeispiel dafür, was herauskommen kann, wenn ideologisierte Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre an ihren Schreibtischen anfangen, sich die Welt zurechtzuinterpretieren(die Informationsquelle des IMD zu Deutschland, die das High-TechLand Bayern hinter den Fischmehl- und Zellulose-Exporteur Chile rutschen ließ, war der BDI. Man dankt für den Beitrag zur Standortförderung). Aber Chiles gutes Abschneiden ist insofern berechtigt, als das Land in der Tat in den letzten 15 Jahren ökonomisch außerordentlich erfolgreich war und zumindest der chilenische Staat in vielerlei Hinsicht seine Hausaufgaben gemacht hat. Dass allerdings die Bäume auch in Chile nicht in den Himmel wachsen, musste das Land in den letzten fünf Jahren erleben, als das Wachstum auf durchschnittlich 2,7 Prozent zurück ging(19982002). Wobei die Wachstumsdelle dieser Jahre keineswegs überraschend ist: Chile ist mit über 40% Anteil des Außenhandels am BSP ein extrem außenorientiertes Land, und die drei wichtigsten Märkte des Landes – die USA, Europa und Ostasien mit Japan und Korea – haben ihrerseits in dieser Zeit Konjunktureinbrüche erlebt, die für Chile zwangsläufig negative Folgen haben mussten. Diese Tendenz zeigt denn auch die strukturelle Schwachstelle des chilenischen„modelo“ – seine außerordentliche Außenorientierung. Chile hat seit dem Militärputsch seine Wirtschaft komplett geöffnet und die Wirtschaftsstruktur auf eine Weltmarktintegrations-Strategie in Rohstoff-Nischenmärkten ausgerichtet. 48% der chilenische Exporteinnahmen stammen von vier Produkten: Kupfer, Zellulose, Fischmehl und Früchten. Weiterverarbeitete Produkte machen lediglich ca. 16 Prozent aus, womit Chile selbst
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Chile : auf der Suche nach einem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
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