8 dass sich in der Kernfrage – die Veränderung des wenig repräsentativen binominalen Wahlrechts – bisher ein Konsens abzeichnen würde. Da die Verfassungsreform von allen Seiten als „single undertaking“ behandelt wird – es handelt sich um einen komplexen Kuhhandel, in dem alle Beteiligten etwas zu gewinnen, aber auch zu verlieren haben –, wird in diesem Bereich ein definitives Ergebnis noch auf sich warten lassen. FES-Analyse: Chile Bleibt hinzuzufügen, dass weite Teile der chilenischen Gesellschaft den Moment als gar nicht so „magisch“ empfinden. Sie sehen in den oben auf-gezählten Veränderungen im Wesentlichen die Fortsetzung eines elitär-exklusiven Politikstils, in dem eine kleine politische Funktionselite unter Ausschluss der Öffentlichkeit das Schicksal des Staates verhandelt, während im Hintergrund die„faktischen Mächte“ – zwei Handvoll reicher Unternehmer, die katholische Kirche und das Militär – die Strippen ziehen. Chile im internationalen Kontext Das außenpolitische Großereignis der letzten Zeit war auch in Chile die Frage des UN-Mandats für den amerikanisch-britischen Angriff auf den Irak. Chile war im fraglichen Zeitraum – zusammen mit Mexiko – Vertreter Lateinamerikas im Weltsicherheitsrat. Die amerikanischen Pressionen zugunsten einer Zustimmung Chiles waren relativ massiv; vor allem wurde zu keinem Zeitpunkt davor zurückgeschreckt, indirekt die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens von dem Verhalten Chiles in der Irak-Frage abhängig zu machen. Einer der wichtigsten außenpolitischen Berater Ricardo Lagos bezeichnete die US-Pressionen in einem privaten Gespräch als„extrem“ ohne – wie im Falle Mexikos –„die Grenze zum Unanständigen überschritten zu haben“. Letztendlich ließ sich die Regierung allerdings nicht erpressen und signalisierte relativ deutlich ihre Ablehnung einer zweiten Resolution im Weltsicherheitsrat. Für das öffentliche Image Lagos und das Ansehen Chiles in Lateinamerika war diese konsequente Haltung sehr förderlich; auch in Chile war den Umfragen zufolge eine Mehrheit der Bevölkerung gegen den Krieg. In der Folgezeit hielten sich immer wieder Gerüchte darüber, dass die USA die Position Chiles vor allem im wirtschafts- und handelspolitischen Bereich bestrafen würden. Dazu kam es jedoch nicht. Vermutlich schätzte man in Washington die Kollateralschäden eines solchen Vorgehens in Lateinamerika und die negativen Auswirkungen auf den Fortschritt der Verhandlungen zu einer gesamtamerikanischen Freihandelszone(ALCA) als zu groß ein. Letztendlich war das Interesse der USA an einem Freihandelsvertrag mit Chile ja kein ökonomisches, sondern ein politisch-taktisches: Es ging darum, einen Präzedenzfall für bilaterale Handelsabkommen zu schaffen, um die ALCAVerhandlungen zu beschleunigen und den Druck auf Brasilien in diesen Verhandlungen zu erhöhen. In der konsequenten Haltung der Regierung Lagos in der Irak-Frage lassen sich einige Grundzüge der Außenpolitik der jetzigen Regierung erkennen: ein konsequenter Multilateralimus: Chile hat seit der Rückkehr zur Demokratie eine konsequente Politik des Multilateralismus verfolgt. Das Land engagiert sich in verschiedenen Missionen der Vereinten Nationen ebenso wie in internationalen Organisationen. Primärziel dieser Politik war die„Reintegration“ des Landes in die Völkergemeinschaft nach den langen Jahren des Paria-Status unter Pinochet. Gleichzeitig sollte durch die Beteiligung an UNBlauhelmmissionen das internationale Ansehen
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Chile : auf der Suche nach einem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
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