FES-Analyse: Chile Ausnahme in einem Kontinent, in dem sich das Krisenkarussell immer schneller zu drehen droht. So steht Chile denn vor auch vor anderen Herausforderungen als seine Nachbarn. Während es dort um die Rekonstruktion von Staat(Peru und Bolivien) oder die Überwindung einer tiefen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Strukturkrise geht(Argentinien), hat Chile vergleichsweise leichte Aufgaben zu lösen: die Konsolidierung und Modernisierung eines funktionie3 renden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systems, um in den kommenden Jahrzehnten den Sprung in die nächste Liga – die der relativ entwickelten Ländern mit mittlerem ProKopf-Einkommen – zu schaffen. Noch ist Chile dies, trotz der großen Entwicklungsfortschritte der letzten 15 Jahre, nicht gelungen. Noch ist Chile in der Tat eher ein„Fall erfolgreicher Unterentwicklung“, wie der Titel eines 2002 erschienen Buches über Chile von heute lautet. Innenpolitische Ausgangsbedingungen Die politischen Institutionen Einer der klar erkennbaren Standortvorteile Chiles ist die Qualität seiner politischen Institutionen und die Qualität des politischen Personals, das diese bevölkert. Trotz einer stellenweise bizarren aus der Pinochet-Zeit stammenden Verfassung funktioniert die Gewaltenteilung und spielen Legislative, Judikative und Exekutive ihre entsprechenden institutionellen Rollen. Die Korruption hält sich in Grenzen – das Land landet im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International auf einem guten Mittelplatz, in der Kategorie Deutschlands oder der USA – und die Käuflichkeit von politischen und Verwaltungsentscheidungen ist eher die Ausnahme und beschränkt sich auf mittlere und untere Verwaltungsebenen. All dies muss natürlich nicht so bleiben – während der Privatisierungen unter der Militärdiktatur hat das Land relativ rüde Formen der Selbstbereicherung und Pfründenwirtschaft unter den Mitgliedern und Günstlingen des Regimes erlebt. Wesensmerkmal des chilenischen Systems ist der ausgeprägte Präsidentialismus und die Hyperzentralisierung des Staatsaufbaus. Unter dem Staatspräsidenten Ricardo Lagos, der bis Anfang 2006 im Amt bleiben wird, hat sich dieser verfassungsmäßige Zentralismus noch weiter gesteigert: Der Präsident ist das absolute Zentrum des Regierungshandelns, die Ressort- und Fachminister – sieht man von der extrem starken Stellung des Finanzministers Nicolas Eyzaguirre als Hüter des ausgeglichenen Haushalts ab – haben relativ geringe Spielräume und agieren unter der ständigen Bewachung durch eine Art Parallelkabinett von Präsidentenberatern im ominösen„2. Stock“ des Präsidentenpalastes, der Moneda. Ricardo Lagos ist ein entschiedener Anhänger des Wettbewerb- und Marktprinzips und als solcher liebt er es, konkurrierende Teams mit der Erarbeitung von Lösungs- und Reformvorschlägen zu beauftragen. Diese„divide et impera“-Politik des Präsidenten führte in der Anfangsphase seiner Amtszeit zu massivem Reibungsverlusten und Entscheidungsblockaden. Mittlerweile hat sich die Situation verbessert, aber die aktive Rolle des Präsidenten ist ein prägendes und nicht immer ganz unproblematisches Element des Regierungsalltags. Politisch hat diese aktive Rolle Lagos nicht geschadet: das Prestige des Mannes ist im Lande wie international hoch und die Zustimmungswerte für seine Arbeit werden – sieht man vom politischen Honeymoon der Argentinier mit der„Überraschung Kirchner“ ab –
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Chile : auf der Suche nach einem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
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