verwurzelt. Diese Position bezeichne ich als Option B2 . Asiatische Reaktionen auf China Die zweite Erkenntnis aus dem Workshop in Berlin war, dass sich das Szenario»Europa versus Russland« nicht auf ein»Asien versus China« übertragen lässt. Eine solche konfrontative Struktur für Asien anzunehmen oder zu reproduzieren, wäre ebenso fehlgeleitet wie riskant. Europa, das stark vom Krieg in der Ukraine geprägt ist, betrachtet die Vorbereitung auf eine mögliche Bedrohung durch Russland als seine wichtigste sicherheitspolitische Herausforderung. Der Dialog mit Moskau sowie die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland wurden weitgehend eingestellt. In der europäischen Fachwelt und Politik ist daher die Auffassung verbreitet, dass auch Asien sich auf einen vergleichbaren Konflikt mit China vorbereiten sollte. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs Chinas, des Krieges in der Ukraine, des politischen Wandels in den USA und einer sich verändernden Weltordnung, die auf einen Niedergang oder zumindest eine Spaltung des »Westens« hindeutet, zeigte sich in dem Workshop eine ausgeprägte Tendenz der Europäer_innen, Kooperationen mit asiatischen Staaten als Gegengewicht zu China zu verstehen. Eine solche Perspektive birgt jedoch die Gefahr, die Komplexität der Region sowie die diversen politischen, ökonomischen und historischen Beziehungen zu übersehen, welche die Haltung anderer asiatischer Staaten gegenüber China prägen. So sprach eine Expertin aus Indien von einer »Multipolarisierung« der Weltpolitik und zeigte sich zuversichtlich, dass der aktuelle Moment »eine gute Chance für Indien sein könnte«; zugleich würden»unsere Stimmen bisher nicht ausreichend gehört«. Ein Wissenschaftler aus Singapur erklärte in seiner Rede, dass man 16 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. aufhören müsse,»die Dinge durch die Brille eines Kampfes zwischen Autoritarismus und Demokratie zu sehen«. In einem anschließenden Gespräch ging er noch weiter:»Wenn wir uns jetzt zwischen den USA und China entscheiden müssten, würden wir uns für China entscheiden.« Er betonte jedoch, dass dies keine aktiv gewählte Präferenz sei, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung konkreter Interessen, etwa in den Bereichen Sicherheit und Wirtschaft. In Europa wachsen die Sorgen über Chinas expansives Auftreten. Dieses Krisenempfinden hat sich noch weiter verstärkt, seit Peking Russland im Ukraine-Krieg unterstützt. Europa bemüht sich daher, seine Präsenz in Asien auszubauen. Asiatische Staaten nehmen Chinas geografische Nähe sowie politische und wirtschaftliche Bedeutung jedoch ganz anders wahr als Europa, das in der Region Ostasien höchstens punktuell Präsenz zeigt und ansonsten eher distanziert erscheint. Entscheidend ist, dass es derzeit keinen Krieg mit China in Asien gibt und dass ein solcher auch nicht zwangsläufig ist. Konflikte lassen sich vermeiden. China strebt nach Anerkennung und Respekt als Großmacht. Zugleich ist das Land als exportorientierte Volkswirtschaft stark in die bestehende internationale Ordnung eingebunden und kann seine wirtschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarstaaten nicht ohne erhebliche eigene Kosten abbrechen. Zumindest wäre der voraussichtliche Schaden weitaus größer als beispielsweise die Auswirkungen der europäischen Sanktionen gegen Russland. Auch viele asiatische Länder, darunter Japan, sind ökonomisch eng mit China verflochten; eine künftige wirtschaftliche Entwicklung der Region ohne chinesische Beteiligung ist kaum vorstellbar. Zwar fürchten einige asiatische Politiker_innen ein selbstbewusster auftretendes China, sind aber gleichzeitig äußerst sensibel in Bezug auf die kolonialen Erfahrungen der Vergangenheit sowie dem Versuch,»westliche Werte« als Ausdruck postkolonialer Kon-
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Quo vadis, Japan? : Sicherheitspolitik zwischen Washington, Peking - und Europa?
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