braucht, um den vielfältigen Herausforderungen begegnen zu können. Europa politisch, wirtschaftlich, technologisch und sozial einen Platz in einer komplexen, auf globale Zusammenarbeit angewiesenen, aber von schroffen Gegensätzen zerrissenen Welt zu sichern, ist das Ziel. Und das Mittel sind möglichst intelligente Mischungen aus der europäischen Fähigkeit, kulturelle Vielfalt zum gegenseitigen Nutzen aller zur Stärke Europas werden zu lassen. Westeuropa ist ein erfolgreiches Laboratorium für Interdependenzen geworden: Auf der Basis von Freiwilligkeit und demokratischem Pluralismus hat es sich zu einem Kraftfeld für supranationale Zusammenarbeit entwickelt. Weitverbreitete Stimmungslagen zeigen freilich, wie schwer es ist, sich mental vom überlieferten, in der politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Realität schon lange nicht mehr bestehenden nationalen Ordnungsrahmen zu verabschieden. Es ist offensichtlich, daß diesem selbstverordneten Modernisierungsprogramm kein gewerkschaftliches Pendant gegenübersteht. Eine gewerkschaftliche Europapolitik ist noch i m embryonalen Zustand. Die Erkenntnis- und Bewußtseinsrückstände in der Mitgliedschaft sind groß, die Themen- und Organisationsrückstände im Apparat beträchtlich. Können die hausgemachten Defizite der europäischen Gewerkschaftspolitik, die auf eine verspätete und bloß reaktive Anpassung, also auf eine inhaltlich wie organisatorisch mangelhafte Flexibilität zurückzuführen sind, noch geheilt werden? Die Gewerkschaften können bei ihrem Bemühen, diese Lücken zu schließen, auf ihre große europäische Traditionslinie zurückgreifen. Die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung sah in einem geeinten Europa jenseits der kriegerischen Rivalitäten autoritärer Nationalstaaten und ihrer kolonialistisch-faschistischen Auswüchse schon immer einen politisch-sozialen Gegenentwurf, der den demokratischen, friedlichen und solidarischen Zielsetzungen des gewerkschaftlichen Internationalismus entsprach. Wie sehr die Geschichte den Gewerkschaften Recht gegeben hat, zeigen die EreigReihe Eurokolleg 21(1992) pisse des 20. Jahrhunderts. An die früheren europäisch-demokratischen Traditionslinien wieder anzuknüpfen, könnte den Gewerkschaften helfen, modisch anti-europäische Haltungen in ihren Reihen zu überwinden. Das historische Erbe, das die Gewerkschaften in das heutige Europa eingebracht haben, ist die soziale Demokratie. Bürgerrechte und Mitbestimmungsrechte für die Arbeiterschaft, frei ausgehandelte Arbeitsentgelte und sozialer Schutz bei Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter machen das- weltweit einzigartige- Bild des modernen Europa aus. An diesen Erfolg anzuknüpfen, nämlich die Modernisierung der sozialstaatlichen Strukturen im Westen Europas zu betreiben und für die Etablierung von sozialer Demokratie im Osten des Kontinents zu kämpfen, könnte als eine politische Perspektive für Europa ergriffen werden, die die Gewerkschaften in die Offensive bringt und sie zu den sozialen Architekten Europas werden läßt. Freilich setzt die Konzeption, Europa als einen Großraum von sozialer Demokratie zu denken, die Schaffung eines gewerkschaftlichen Euro-Akteurs voraus. Die Fortsetzung des europäischen Projekts der Moderne Die westeuropäische Integration, die ihr Gravitationszentrum im Europa der EG hat, ist die wichtigste, vielleicht die einzig wichtige Politikinnovation der Nachkriegsära. Die Idee, nationalistischen Auswüchsen durch grenzüberschreitende Integration zu begegnen, hat aus einstmals verfeindeten Ländern Partner gemacht. Die pluralistischen Demokratien Westeuropas haben einen „ Wohlstandsraum ohnegleichen"(Willy Brandt) geschaffen. Verglichen mit der Situation in anderen Teilen der Welt ist(West)Europa in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht auch ein Stabilitätsraum ohnegleichen: „ Wohlstand und Frieden durch irreversible Verflechtung"(Björn Engholm) sind die Ergebnisse des europäischen Erfolgskonzeptes. 3
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Soziale Demokratie als gewerkschaftliche Perspektive in Europa : ein Plädoyer
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