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Soziale Demokratie als gewerkschaftliche Perspektive in Europa : ein Plädoyer
Entstehung
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Als Gegenstände von Abkommen gemäß der Plattformkonstruktion kommen Dauer und Fle­xibilität der Arbeitszeit, die Organisation von Team-Arbeit, Gruppen-Arbeit oder Qualitäts­zirkeln, Informations- und Partizipationsrechte sowie Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit in Frage. Es hat den Anschein, als ob umwelt­schonende Produkte und Produktionsverfah­ren sowie mit einer herausragenden Priorität Probleme beruflicher Ausbildung und Weiter­bildung zu den Favoriten gehören, mit denen sich eine innovatorische Tarifpolitik europa­weit in Gang setzen ließe. Ein Terrain ganz besonderer Art verspricht die Ebene europaweit agierender Großkonzerne zu werden. Zunehmend haben die Gewerk­schaften erkannt, daß transnationale Firmen vorzügliche Orte für die internationale Koope­ration von betrieblichen Interessenvertretern sind. Die Schaffung von Europäischen Be­triebsräten als gemeinsamer Interessenvertre­tung für die multinationalen Belegschaften von transnationalen Firmen ist ein Einfallstor für grenzüberschreitende gewerkschaftliche Zu­sammenarbeit. Die Internationalisierung der nationalen Verbände Eine wichtige Voraussetzung dafür, daß natio­nale Gewerkschaften internationale Zusam­menarbeit lernen, ist die Öffnung ihrer Ver­bandsstrukturen. Das politische Personal der Gewerkschaften, wie auch ihre ehrenamtlichen Kader, müssen für internationale Arbeit geschult werden. Was transnationale Großunternehmen schon längst begriffen und in ihrem Selbstverständnis und Organistionsraster realisiert haben, daß Karrie­ren ohne internationale Erfahrungen und ohne Kenntnis supranationaler Problemkontexte nicht mehr möglich sind, müssen die Gewerk­schaften erst noch nachholen. Vom politischen Personal der Gewerkschaften wird zuweilen gesagt, daß es sich um eine Elite im Warte­stand" handele; freilich, eine moderne und das heißt immer, auch demokratisch legitimierte Führungsmannschaft bleibt provinziell, wenn sie nicht international denkt und handelt. Reihe Eurokolleg 21(1992) Die Anpassung der nationalen gewerkschaft­lichen Arbeitsstrukturen an die Erfordernisse flexibler übernationaler Kooperation kann in einem hohen Maße kostenneutral und nutzen­stiftend für alle organisiert werden. Ein syste­matisch betriebener Austausch des hauptamt­lichen Personals dürfte sich recht schnell aus­zahlen, da die Qualifikationen erhöht und die Kommunikationsnetze enger werden. Der Austausch von gewerkschaftlichen Tarif-, Wirtschafts- oder Technikexperten, oder der von gewerkschaftlichen Journalisten, Lehrern und Arbeitsrechtlern würde bi- und multilate­rale Arbeitszusammenhänge entstehen las­sen, die dem bisherigen Luxus ein schnelles Ende bereiten würden, Synergiepotentiale und Kooperationsgewinne infolge kleinlich behüteter nationaler Wagenburgen zu ver­schenken. Aber auch im Bereich ehrenamtlicher Tätig­keit ließen sich Kooperationsgewinne erzie­len: So könnten in Regional-, Städte- und Be­triebspartnerschaften viel basisnahe Pionier­arbeit für praktische internationale Solidarität geleistet werden. Ein anderes Beispiel sind die Eigenanstrengungen von Betriebsräten und Belegschaftsdelegierten, Mitbestim­mungsgremien in transnationalen Firmen zu gründen. Daß ein Europa von unten" gute Chancen hat, zu gedeihen, dafür seien stell­vertretend für die erfreulicherweise wachsen­de Zahl von Basisaktivitäten drei Beispiele genannt: Die interregionale Zusammenarbeit Saar-Lor-Lux, die Etablierung eines Europäi­schen Betriebsrates bei WV sowie ein Fir­mentarifvertrag beim französich-deutschen Fernsehkanal ARTE. Im wissenschaftlichen Bereich ist gewerk­schaftsnahen Einrichtungen zu empfehlen, Auslandsaufenthalte von Stipendiaten ihrer Studentenwerke in den Vordergrund zu rük­ken. Dem akademischen Nachwuchs Sprach­fähigkeiten sowie den Umgang mit fremden Kulturen und internationalen Problemkontex­ten zu vermitteln, ist auch eine Humaninvesti­tion in die Gewerkschaften, sich damit eine polyvalente und multi-qualifizierte Generation von politischem Führungspersonal heranzu­ziehen. 13