dadurch gefördert, daß es kein nationales Gewerkschafts- und Verhandlungssystem gibt, das allen anderen in allen Belangen überlegen ist. Zwar gibt es mit Blick auf institutionell abgestützte Stabilität eine Reihe von strukturellen Vorteilen des mittel- und nordeuropäischen Modells, aber durchaus gleichwertige Pendants in anderen Ländern, wenn man an Basisnähe und politische Innovationsfähigkeit denkt. Die Gewerkschaften stehen bei dem Problem, sich europaweit politikfähig zu machen, vor dem substantiell gleichen Problemen wie alle anderen Akteure auch: Wie kann verhindert werden, daß Vielfalt von Strukturen und Interessen in eine ungeordnete und hoch kompetitive Zersplitterung abtreibt? Umgekehrt: Wie kann Vielfalt durch Bündelung einander ergänzender Qualitäten in Kooperationsgewinne zum gegenseitigen Nutzen aller umgewandelt werden? Den Gewerkschaften muß es gelingen, ihre im Kontext der jeweiligen politischen und sozialen Kulturen ihrer Länder entstandenen und damit entwicklungsbedingt unterschiedlichen Interessen in eine supranationale Strategie von Interessenvertretung einzubetten. Die Konzeption Europas als eines Großraumes von sozialer Demokratie verlangt, daß zwischengewerkschaftliche Interessendivergenzen nicht zur Balkanisierung der europäischen Gewerkschaftslandschaft führen, der als eine Art Laboratorium für Interdependenzen gemeinsame Ideen und abweichende Interessen ausbalanciert. Es bleibt kein anderer Weg übrig, als den mühsamen Versuch des Managements gewerkschaftlicher Vielfalt zu machen. Die Kunst gewerkschaftlicher Europapolitik ist es, verschiedenartige Gewerkschaftskulturen in ein Netz pluraler Interessenvertretung einzuknüpfen. Bei diesem Unterfangen mag ein Blick in die außereuropäische Welt hilfreich sein. Es zeigt sich dann, daß das gewerkschaftliche Europa keineswegs aus unvereinbaren Inhomogenitäten besteht, sondern vielmehr eine europaspezifische Identität vorhanden ist, die die Verbindung von Vielfalt und Einheit ermöglicht. 10 Bestandteile einer unverwechselbaren europäischen Gewerkschaftskultur sind - die Anerkennung der Gewerkschaften als repräsentative Organe sozialer Interessenvertretung, - die von einer übergroßen Mehrheit der Bevölkerung befürwortete und bis tief in die politische Mitte reichende, Sozialdemokraten, Grüne und Christdemokraten umfassende Verpflichtung zur sozialen Demokratie - sowie der gesellschaftspolitische Anspruch der Gewerkschaften, die Zukunft der Arbeit in der modernen Gesellschaft zu gestalten. Diese drei Fixpunkte heben das politisch ambitionierte europäische Gewerkschafts- und Sozialstaatsmodell deutlich vom business unionism i m liberalistischen Gesellschaftsund Arbeitsmodell der USA wie vom betriebspaternalistischen System Japans ab. EGB als Pinonier gewerkschaftlicher Europapolitik Die traditionellen Werte von Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Gestaltungsanspruch machen die gemeinsame Sozialkultur wenn nicht aller, so doch der übergroßen Zahl der(west)europäischen Gewerkschaften aus. Sie sind jene Verbindungslinien, die in einem zusammenwachsenden Europa auch einen gewerkschaftlichen EuroAkteur entstehen lassen werden. Die europäische Integration führt zu einem höheren Niveau an Konvergenz von gemeinsamen und gemeinschaftsweiten Problemlagen, auf die die Gewerkschaften mit einer neuen Kombination von zentraler Koordination und dezentraler Durchführung reagieren müssen. Vieles spricht dafür, daß der Europäische Gewerkschaftsbund(EGB) sich im Schlepptau der EG zum Zentrum supranationaler Gewerkschaftspolitik hochgearbeitet hat. Es kann überhaupt kein Zweifel darüber aufkommen, daß gegenwärtig der EGB zum allein anerReihe Eurokolleg 21(1992)
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Soziale Demokratie als gewerkschaftliche Perspektive in Europa : ein Plädoyer
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