Die Gewerkschaften in der Rolle einer sozialen Gewährsmacht sind für Europa unentbehrlich. Im Osten noch einmal zu wiederholen, was im Westen gelang, nämlich den sozialen Rechtsstaat aufzubauen, ist die historische Chance der Gewerkschaften. Ohne die soziale Flankierung der europäischen Integration wird es keine demokratische Zukunft in Europa geben. Die Gewerkschaften könnten unverzichtbar werden, wenn sie ihre doppelte Aufgabe zu einer perspektivenreichen Politik verdichten könnten: Die Modernisierung des europäischen Rechts- und Sozialstaates im Westen und seine Etablierung im Osten. Das Angebot zur Gestaltung der Europäischen Sozialunion Ganz gewiß merkt man der EG bis heute an, daß- nicht zuletzt wegen des politischen Motives, deutsche Wirtschaftsmacht durch supranationale Verflechtung zu kontrollieren- die Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet immer im Vordergrund gestanden hat. Die Erneuerung der EG, die Mitte der 80er Jahre begann und mit dem Binnenmarkt eine wichtige Zwischenetappe zurückgelegt hat, bestätigt und bekräftigt, daß wirtschaftliche Interessen Priorität haben. Die EG ist zum Instrument des europäischen Kapitals geworden, der globalen Konkurrenz in der Triade mit Japan und den USA die vereinte Wirtschaftsmacht Europa entgegenzusetzen. Schon längst ist aus der einstmals von protektionistischen Agrarinteressen beherrschten und beinahe ruinierten EG eine Wirtschafts- und Technologiegemeinschaft mit globalen Ansprüchen geworden. Eine konsequente Fortsetzung dieser Politik findet sich in dem Maastrichter Vertrag über die „ Europäische Union". Es ist keineswegs zufällig, daß die Vereinbarungen über die Europäische Währungs-Union bis ins Detail ausgehandelt sind, während Politische Union und Sozialunion nur vage konturiert sind. Bislang haben die wirtschaftliche Dynamik Westeuropas und die Leistungsfähigkeit seiner Arbeitnehmer den sozialen Wohlstand gewährleistet und zugleich die weniger entwik6 kelten Länder überdurchschnittlich begünstigt, so daß sie aufgeholt und Entwicklungsabstände verringert haben. Unzweifelhaft ist die EG ein Positivsummenspiel, an dem alle teilhaben. Die Schräglage zugunsten der Wirtschaftsunion ist nun freilich kein Anlaß, larmoyant vom „ Europa der Konzerne" zu sprechen und sich freiwillig in die linke Absentismusecke einzupferchen. Daß der weitgetriebenen Wirtschafts- und Währungsunion noch kein Sozialraum entgegensteht, ist weniger dem Diktat des Kapitals geschuldet, sondern vielmehr dem Desinteresse der Gewerkschaften: Noch vor kurzem verkannten sie die wirtschaftliche Dynamik und vernachlässigten die Gestaltung des europäischen Sozialraumes. Wer denn sonst als die Gewerkschaften sind für die europäische Sozialunion zuständig? Erst langsam ist ihre Haltung, die EG müsse den Sozialstaat gemeinschaftsweit garantieren, der Einsicht gewichen, daß es sich um Hausaufgaben handelt, die die Gewerkschaften selber machen müssen. Entgegen dem Eindruck, den das allseits beliebte Spiel der Beschimpfung der EG-Gremien hinterläßt, sind bereits heute gute Voraussetzungen für die soziale Dimension in EG-Europa gegeben. Eine Prüfung ergibt, daß Vermutungen, über die EG werde die soziale Deregulierung gemeinschaftsweit vorangetrieben, mehr Spekulation als empirisch abgesichertes Wissen sind. Eher läßt sich die These belegen, daß es bislang an der mangelnden gewerkschaftlichen Chancenverwertung liegt, wenn die soziale Dimension unterentwickelt ist. Dies soll an fünf Beispielen verdeutlicht werden: 1. Gewiß sind in den EG-Gremien auch politische Kräfte vertreten, die dem Gedanken eines europäischen Sozialraumes indifferent und ablehnend gegenüberstehen. Die andere Seite der Medaille ist freilich, daß die das EG-Parlament beherrschende große Koalition aus Sozialdemokraten und Christdemokraten seit jeher ein Vorreiter der Politischen Union Europas ist, deren Qualitätszeichen Sozialstaat, Mitbestimmung und Tarifautonomie sind. Reihe Eurokolleg 21(1992)
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Soziale Demokratie als gewerkschaftliche Perspektive in Europa : ein Plädoyer
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