Gleichermaßen drängen sich Initiativen auf, Wissenschaftlern die Mitarbeit in internationalen Forschungsprojekten, Bildungsveranstaltungen und Sachkongressen anzubieten. Aus dieser Ressource haben bislang die Gewerkschaften nur geringen Nutzen gezogen. Gewerkschaftliches Chancenmanagement Die Ängste vieler Arbeitnehmer aus den reicheren westeuropäischen Ländern und aus denen mit entwickelten Mitbestimmungsformen vor sozialer Unterbietungskonkurrenz durch Niedriglohnarbeiter aus Süd- und vor allem Osteuropa sowie durch neo-liberale Deregulierungen sind ernstzunehmen. Selbst wenn man mit historischen und empirischen Nachweisen belegen kann, daß solche Ängste wenig begründet sind, bleiben jene Unsicherheiten bestehen, die offensichtlich mit der Modernisierungsdynamik im Westen und der Unübersichtlichkeit im globalen Maßstab einhergehen. Die Ängste „ richtungsloser Seelen"(Peter Glotz) sind freilich nicht nur in der Arbeitnehmerschaft sondern auch in nennenswerten Teilbereichen gewerkschaftlicher Apparate und Kader vorzufinden. Die Parole vom „ Europa der Konzerne" weist eine ähnliche, allerdings radikalverbal versteckte Angststruktur auf, wie ausländerfeindliche Parolen vieler Arbeitnehmer. Deshalb verdient die Internationalisierung der nationalen Gewerkschaftsverbände eine besondere Aufmerksamkeit. Jenseits erweiterter Sachkompetenzen für internationale Problemkontexte kommt es vorrangig darauf an, Erfahrungszusammenhänge herzustellen, um linken Konservatismus durch linke Modernität zu ersetzen. Sicherheit vor einem Rechtsruck einer verunsicherten Arbeitnehmerschaft wird es nur geben, wenn die Gewerkschaften die aufklärerisch anti-autoritären Traditionen Europas stärken und sich die Gestaltung des europäischen Sozialraumes zur Aufgabe machen. 14 In Abwandlung einer bekannten Redensart kann man mit Fug und Recht behaupten, daß in Europa keineswegs alles gut bestellt ist, aber ohne die westeuropäische Integration alles nichts ist. Ein ganzes Jahrhundert liegt zwischen der Europäischen Union in Westeuropa und den kriegerisch-nationalistischen Rückfällen von Jugoslawien bis zum Kaspischen Meer. Eine moderne Gewerkschaft, ausgestattet mit einem internationalisierten Apparat und gestützt von einem aufgeklärten politischen Personal und ehrenamtlichen Kadern, muß die Fortschrittlichkeit der europäischen Integration durch ihre rechts- und sozialstaatliche Anreicherung weiter vorantreiben. Die Gestaltung eines solidarischen Europas zur handlungsleitenden Perspektive zu entwickeln, ist die Alternative zum Verharren der Gewerkschaften in nationalen Wagenburgen. Die Herausforderungen und die Chancen für eine Erneuerung der Gewerkschaften in der sich formierenden europäischen Gesellschaft von morgen bestehen in einem kontinentalen Modell von Mitbestimmung und Tarifautonomie. Wer sich rechtzeitig einbringt, betreibt zukunftsweisendes Chancenmanagement statt reaktives Krisenmanagement post festum. Wer heute eine Politik des Chancenmanagements konzipiert, wird auch morgen noch anerkannter Sozialakteur und Sprecher der Arbeitnehmer sein. Die Europäisierung ihrer Politik ist die Chance für die Erneuerung der Gewerkschaften. Der häufig- gerade auch in Deutschland vertretenen These, daß eine starke nationale Verankerung der Gewerkschaften die beste Voraussetzung gegen eine anti-gewerkschaftliche Entwicklung in Europa sei, wird hier die Auffassung entgegengesetzt, daß die Europäisierung der gewerkschaftlichen Politik der beste Schutz für die Arbeitnehmer ist. Die Florenz-Amsterdamer Forscher haben es auf den Begriff gebracht: „ Organised Labour will have to be international, or it will not be." Und hierfür sind moderne Strukturen und Denkweisen Reihe Eurokolleg 21(1992)
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Soziale Demokratie als gewerkschaftliche Perspektive in Europa : ein Plädoyer
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