c) Mißt man die Organisationsmacht von Gewerkschaften an der Zahl der Mitglieder, so sind die Unterschiede extrem: Die Spannweite von gewerkschaftlichen Organisationsgraden reicht von unter 10% in Spanien oder Frankreich über eine Mittelgruppe(Deutschland, Italien, Großbritannien) zwichen 35 und 45% bis hin zu den Spitzenreitern(in Belgien, Österreich und Skandinavien) mit über 60% In absoluten Zahlen gemessen, übertrifft der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB mit einem Bestand von 11800000 Mitgliedern, die er Ende 1991 im vereinigten Deutschland aufwies, alle anderen EGB-Mitgliedsverbände. d) Gravierend auch die Unterschiede im Niveau an politisch-administrativer Professionalität. Nur in einigen Ländern finden wir Gewerkschaften mit gut ausgebauten und effizient arbeitenden Apparaten. Solche Gewerkschaften können strategische Entscheidungen mit Hilfe eines qualifizierten politischen und wissenschaftlichen Personals vorbereiten und durchführen. In Deutschland etwa verfügen die Gewerkschaften über eine professionelle Gruppe hauptamtlicher Funktionsträger, die ihre Organisationen zunehmend mehr wie moderne Dienstleistungsunternehmen führen, e) Von überragender Bedeutung für die Politik von Gewerkschaften ist die betriebliche Interessenvertretung. Die Extreme lassen sich am besten mit der Form eines Dreiecks vergleichen: In Deutschland haben wir mit dem Betriebsrat eine eigenständige, mit vielen Informationsund Mitbestimmungsrechten ausgestattete Instanz, mit der die Gewerkschaften eine miteinander arbeitsteilig vernetzte Interessenvertretung von der gesamt- über die branchen bis zur einzelwirtschaftlichen Ebene praktizieren, In anderen Ländern- wie etwa in Großbritannien und Italien- sind die betrieblichen Interessenorgane der Belegschaften gewerkschaftliche Basisgremien, die mit Verhandlungsund Streikkompetenzen ausgestattet sind. Da sie nicht gesetzlich-institutionell abgesichert sind und auch nicht über staatlich verbürgte Reihe Eurokolleg 21(1992) Mitbestimmungsrechte sondern ausschließlich über gewerkschaftliche Ressourcen verfügen, ist ihre Wirksamkeit stark abhängig von schwankenden Machtverhältnissen infolge politischer Großwetterlagen und wirtschaftlicher Konjunkturen. In einer dritten Gruppe von Ländern mit meist schwachen Gewerkschaften(Frankreich oder Spanien) sind Mischungen von wenig entwikkelten Formen sowohl des Betriebsratsmodells wie des Delegiertenmodells anzutreffen. f) Auf dem Gebiet der Tarifpolitik reicht die Bandbreite von Abkommen, die- wie in Großbritannien- vorwiegend auf Unternehmensebene abgeschlossen werden, über- wie in Deutschland- sektorale Vereinbarungen mit einem die Branchenunternehmen repräsentierenden Arbeitgeberverband bis hin zu Ländern- wie etwa Italien-, in denen die gewerkschaftlichen Dachverbände dominieren und Regierungen eng in die Tarifpolitik einbezogen sind. g) Daß gewerkschaftliches Streikrecht und unternehmerische Aussperrungsfreiheit ebenso stark von Land zu Land variieren wie etwa Schlichtungsverfahren, sei nur am Rande vermerkt. Als Fazit läßt sich festhalten, daß der Grad an Institutionalisierung und Verrechtlichung sowie das Niveau von Zentralität, Repräsentativität und Professionalität erheblich variieren. Wir haben mithin geschützte und ungeschützte Vertretungssysteme, flexible und starre Regeln, robuste und anfällige Strukturen, koordinierte und fragmentierte Interessenvertretungen, innovationsfreudige und reformkonservative Gewerkschaften. Diese Verhältnisse lassen alle Versuche kontra-produktiv werden, die national geprägten Gewerkschafts- und Sozialkulturen durch ein gleichmacherisches Einheitsmodell harmonisieren zu wollen. Die Gewerkschaften werden lernen und praktizieren müssen, wie durch eine intelligente Kombination Schwächen auszugleichen und Stärken auszunutzen sind. Eire solcher Prozeß gegenseitigen Lernens wird
Druckschrift
Soziale Demokratie als gewerkschaftliche Perspektive in Europa : ein Plädoyer
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten