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Rettende Augenblicke : Überleben im Nazi-KZ
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45 Auch Edith sollte weiter marschieren, der Todesmarsch war ja noch nicht zuende.Ich wollte aber nicht mit meiner Gruppe, sondern ich wollte mit meiner Mutter gehen. Da geschah es wieder, dass sie eine lebensrettende Ohrfeige erhielt. Diesmal von einem der Marschbegleiter. Sie durfte nicht mit ihrer Mutter gehen.Ich habe sie nie wieder gesehen. Edith wanderte also weiter. Halb verhungert, sei es ihr und einigen anderen dann gelungen, sich zu verstecken.Ich glaube, die SS-Leute hatten uns zum Schluss gar nicht mehr finden wol­len. Der Krieg war zuende. Instinkte Horst(*21) ist felsenfest davon überzeugt, dass es- um Nazi­KZ's zu überleben- ganz wesentlich auf den eigenen Instinkt ankam.Überlebensinstinkt nennt er das, was ihn am Leben erhielt. Unddieser Instinkt war schon als Kind bei mir stärker ausgeprägt als bei meiner Mutter. Horst, Jahrgang 1929, war 1941 in das Ghetto von Lodz ­Litzmannstadt- transportiert worden, zusammen mit seinen El­tern. Der Vater, der übrigens im 1. Weltkrieg deutscher Soldat war und deshalb, wie so viele andere jüdische Bürger, nicht ge­glaubt hatte, dass die Nazis ihn verfolgen würden, starb dann in Lodz.Dort, berichtet Horst,erkannte ich bereits, dass je­mand, der wirklich überleben wollte, nur an sich selbst denken kann. Vieles habe er gemacht, um zu überleben. Zum Beispiel habe er immer mal wiederEssen geklaut. Dann wurden eines Tages im Ghetto Lodz Kindertransporte zusammengestellt. Es hieß, diese Kinder sollten in Sicherheit gebracht werden. Horst, der mit zahlreichen Kindern abtranspor­tiert werden sollte, warteteeinen günstigen Augenblick ab