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Frühe Ungleichheiten : Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive
Entstehung
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1 EINLEITUNG Die Kindertagesbetreuung(Kita) hat als erster Bildungs- und Betreuungsort von Kindern außerhalb der Familie und als ein Angebot, Eltern bei der Vereinbarkeit von Familien- und Er­werbsarbeit zu unterstützten, in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen(statt vieler z. B. Spieß 2021). Studien zeigen, dass insbesondere Kinder von Eltern mit niedrigerem sozioökonomischen Status oder aus Familien mit Migrations­hintergrund von dem frühen Besuch einer Kita besonders profitieren können. Dabei ist eine hohe pädagogische Qualität der Betreuung eine notwendige Bedingung. Darüber hinaus sind Kitas für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit von Eltern, nach wie vor insbesondere von Müttern, von großer Bedeu­tung. Eine Erwerbstätigkeit von Müttern erhöht das verfügba­re Familieneinkommen und kann damit kurzfristig Kinderar­mut und ihre negativen Konsequenzen auf die kindliche Ent­wicklung verringern. Hinzu kommen kurz- bis langfristige Effekte auf den Gender-Gap im Arbeitsmarkt und die Auftei­lung der Sorgearbeit zwischen Vätern und Müttern sowie Ef­fekte, welche die Altersarmut von Frauen mit Kindern redu­zieren: Kitas können dazu beitragen, dass der Gender-Pay­Gap sinkt, die Sorgearbeit gleicher verteilt wird und Altersar­mut von Müttern im Alter abnimmt. Der Ausbau der frühen Bildung und Betreuung gilt deshalb als wirkungsvolle Maß­nahme, um zum einen frühe Ungleichheiten bei Kindern ab­zubauen und die Chancengleichheit für alle Kinder unabhän­gig von ihrem familialen Hintergrund zu verbessern. Dies er­scheint besonders dringlich, da bereits im Kita-Alter große Ungleichheiten in der kindlichen Entwicklung bestehen, die zu ungleichen Startchancen bei Schulbeginn führen. Diese Ungleichheiten werden später im Schulsystem noch deutlicher und können nur mit ungleich höheren Kosten abgemildert werden. Zum anderen weisen viele Studien darauf hin, dass ein Ausbau der frühen Bildung und Betreuung für Kinder un­ter drei Jahren die Erwerbstätigkeit und das Erwerbsvolumen von Müttern signifikant erhöhen kann mit den oben ge­nannten positiven Folgen für das Individuum und die Gesell­schaft. All diese Effekte sind insbesondere für eine Gesellschaft mit einem abnehmenden Erwerbspersonenpotenzial relevant, in der eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit und des Erwerbs­volumens von Frauen mit Kindern und eine frühzeitige und effiziente Förderung des Humanpotenzials aller Kinder von Anfang an eine besonders hohe Bedeutung zukommt. Eine nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen ungleiche Nutzung von Kitas, wie sie seit mehre­ren Jahrzehnten zu beobachten ist, wurde vor diesen Hinter­gründen immer wieder kritisiert(14. Kinder und Jugendhilfe­bericht 2013, siehe Kapitel III). Mit dem Ausbau verfügbarer Kita-Plätze für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren, dem sogenannten U3-Ausbau, und der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz ab dem zweiten Lebens­jahr im Jahr 2013 wurde demnach die Erwartung verbunden, dass davon alle Familien, unabhängig von sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen, profitieren würden und Unterschiede in der Kita-Nutzung abnehmen. Doch Ungleich­heiten in der Nutzung von Kitas nach familialen Merkmalen sind weiterhin stark ausgeprägt(z. B. Schmitz et al. 2023). Nach wie vor sind Kinder aus potenziell benachteiligten Fami­lien in Kitas unterrepräsentiert. Diese Unterschiede sind aus individueller und gesamtge­sellschaftlicher Perspektive nach wie vor zu bemängeln, da sie bereits in den ersten Lebensjahren Ungleichheiten hervorru­fen, die sich in späteren Lebensphasen verstärken können. Es werden somit nicht alle Potenziale der frühen Kindheit ausge­schöpft, und die Teilhabechancen von Kindern sind bereits in den ersten Lebensjahren ungleich verteilt. Insofern stellt sich vor dem Hintergrund der öffentlichen Verantwortung für alle Kinder die Frage, wie es erreicht werden kann, dass alle Grup­pen im System öffentlich geförderter Bildungs- und Betreu­ungseinrichtungen(Kitas) gleich repräsentiert sind. Neben diesen vor allem bildungspolitischen Überlegungen stehen zudem gleichstellungs- und arbeitsmarktpolitische Überlegun­gen: Zum einem können vor allem Mütter aufgrund unzurei­chender Bildungs- und Betreuungsangebote Familien- und Erwerbsarbeit nicht gleich gut vereinbaren wie Väter. Zum anderen ist eine geringere Erwerbsbeteiligung in Deutschland insbesondere auch bei potenziell sozioökonomisch und-de­mografisch benachteiligten Müttern zu beobachten(Bundes­ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2020). All dies zeigt, wie wichtig weitere Untersuchungen zu sozio­ökonomischen und-demografischen Kita-Nutzungs- und-Be­darfslücken, sogenannten Kita-Gaps, aus einer bildungs- und gleichstellungspolitischen Perspektive sind. Bei der Beschreibung der empirischen Evidenz von Kita­Gaps in Deutschland sind über die bisherigen Befunde hinaus (siehe Abschnitt 3) noch wichtige Fragen offen: So ist bisher nicht dokumentiert, wie sich Kita-Gaps über das Alter der Kinder hinweg darstellen oder ob Familien, die mehrere Merkmale potenziell benachteiligter Gruppen erfüllen, be­sonders große Nutzungsunterschiede und ungedeckte Bedarfe aufweisen. Ebenso liegt bisher keine Evidenz vor, ob es regio­nale Unterschiede in Kita-Gaps nach familialen Merkmalen gibt. Darüber hinaus sind die Gründe für einen ungleichen Kita-Zugang, auf der Nachfrage- und Angebotsseite, zwar teilweise untersucht worden, aber wenig systematisch und nicht auf Basis jüngerer Daten. Zugleich ist wenig darüber bekannt, inwiefern mütterliche Erwerbsabsichten aufgrund von ungedeckten Kita-Bedarfen nicht realisiert werden kön­nen. Diese noch offenen Fragen werden in dieser Studie ad­ressiert. Damit können die Befunde dieser Studie auch dazu beitragen abzuschätzen, inwiefern das Erwerbspotenzial von Müttern aufgrund fehlender Kita-Angebote gegenwärtig nicht genutzt wird. Nachdem im zweiten Kapitel kurz die Funktionen und der gesetzliche Auftrag von Kitas dargelegt wird, fasst das dritte Kapitel die bisherige Befundlage zu unterschiedlichen Kita­Gaps und ihren Gründen zusammen. Daran anschließend werden neue eigene Analysen vorgestellt und bildungs- und gleichstellungspolitische Schlussfolgerungen abgeleitet. Diese Analysen bilden den Schwerpunkt der Studie: Sie liefern ak­tuelle Evidenz und somit die Grundlage für politische Hand­lungsoptionen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5