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Frühe Ungleichheiten : Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive
Entstehung
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Neuere Analysen von Jessen et al.(2018) betrachten, wie sich die Unterschiede bei der Ganztagsnutzung für Kinder über drei Jahren bis 2016 im zeitlichen Verlauf verändern. Für diese Jahre zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen den Gruppen insgesamt geringer sind als im U3-Bereich, jedoch mit ähnlichem Muster: Ressourcenstarke Gruppen (wie z. B. bildungsnähere Familien, Familien ohne Migra­tionshintergrund, Familien oberhalb der Armutsgrenze und Familien mit zwei erwerbstätigen Eltern) nutzten ganz­tägige Kita-Angebote häufiger. In einer aktuellen Studie auf Basis der Daten des Nationalen Bildungspanels(NEPS) be­stätigen Ghirardi et al.(2023) erneut die sozioökonomi­schen Nutzungsunterschiede bei der Kita-Nutzung. INTERNATIONALE STUDIEN ZU NUTZUNGS­UNTERSCHIEDEN IM U3- UND Ü3-BEREICH International vergleichende Analysen auf Basis der EU­SILC-Daten(Erhebung über Einkommen und Lebensbe­dingungen) zeigen, dass sich diese Ungleichheiten in der Kita-Nutzung in ähnlicher Form auch in anderen europäi­schen Ländern wiederfinden(z. B. Wirth 2012). Erwar­tungsgemäß sind die Unterschiede in der Kita-Nutzung in Ländern mit einer insgesamt hohen Nutzungsquote gerin­ger, so etwa in Skandinavien oder Belgien(für eine zusam­menfassende Darstellung vgl. auch Autor:innengruppe Bil­dungsberichterstattung 2022). Auch Blossfeld et al.(2017) finden in ihren Analysen für unterschiedliche Länder, gro­ße sozioökonomische Nutzungsunterschiede in Kitas. Ein­zelne länderspezifische Studien bestätigen dies. Hier seien lediglich einige ausgewählte Studien erwähnt: Zachrisson et al.(2013) untersuchen beispielsweise die Kita-Nutzung sehr junger Kinder in Norwegen. In Hinblick auf Unter­schiede nach sozioökonomischem Hintergrund finden sich mit Deutschland vergleichbare Ergebnisse: Eltern aus ei­nem nichtwestlichen Herkunftsland und Familien mit niedrigerem sozioökonomischen Status nutzen Kitas weni­ger als Familien mit höherem Status. Außerdem schicken Paarfamilien ihre Kinder später in die Kita als Alleinerzie­hende. Auf Basis derselben Daten aus der MoBa(Norwegi­an Mother, Father and Child Cohort Study) belegen Sibley et al.(2015), dass die Wahrscheinlichkeit eines Kita-Be­suchs mit höherem Bildungsgrad der Mutter steigt. In ei­ner vergleichenden Studie von van Lancker und Ghysels (2012) zeigen sich Unterschiede zwischen den analysierten Ländern insbesondere für Kinder unter drei Jahren. Ver­glichen werden Schweden und die flämische Region Bel­giens(Flandern). Während in Flandern Kinder aus Haus­halten mit niedrigem Einkommen deutlich seltener eine Kita nutzen, gibt es in Schweden keine Nutzungsunter­schiede nach dem Einkommen(vgl. van Lancker/Ghysels 2012). Magnuson und Waldfogel(2016) beleuchten auf Ba­sis von US-Daten die Entwicklung der Nutzungsunter­schiede nach Einkommen bei Drei- und Vierjährigen zwi­schen 1986 und 2013. Sie finden, dass die Lücke zwischen den Einkommensgruppen in den 1980er Jahren am größ­ten ist. 2013 ist der Unterschied bei den Dreijährigen hö­her als bei den Vierjährigen. Die Differenz in der Nutzung zwischen den ärmsten Familien und den reichsten Fami­lien hat sich im Laufe der Zeit für die Gruppe der Vierjäh­rigen verringert. Greenberg(2011) zeigt mit den US-Daten des NHES(National Household Education Surveys), dass mit steigender Bildung und Einkommen sich mehr Fami­lien für die Betreuung in Kitas entscheiden. Johnson et al. (2016) betrachten eine spezifische Gruppe: Kinder mit Mi­grationshintergrund, die aus Familien mit einem niedrigen Einkommen stammen. Anhand von Daten aus der ECLS-B (Early Childhood Longitudinal Study Birth Cohort) in den USA finden sie, dass bei Vierjährigen selbst innerhalb dieser bestimmten Gruppe noch Unterschiede in der Nut­zung nach Bildungsstand der Mutter vorhanden sind. In der Altersgruppe der Drei- bis Fünfjährigen werden eben­falls Kita-Nutzungsunterschiede nach dem Einkommen der Eltern beobachtet(vgl. Bainbridge et al. 2005). Zusammenfassend lässt sich demnach festhalten, dass auch in anderen westlichen Industrienationen Kita-Nut­zungsunterschiede existieren. Dazu, inwiefern die Unter­schiede in der Nutzung auf Unterschiede im Bedarf zu­rückzuführen sind oder ob sie primär durch ein zu gerin­ges Angebot verursacht werden, finden sich nur wenige systematische Untersuchungen(vgl. Abschnitt IV). 3.2 STUDIEN ZU MÖGLICHEN GRÜNDEN VON KITA-NUTZUNGSUNTERSCHIEDEN Neben der Beschreibung von Nutzungsunterschieden stellt sich die Frage nach den Gründen für diese Unterschiede. Hier können unterschiedliche Faktoren von Bedeutung sein, deren empirische Relevanz jedoch lange Jahre kaum systematisch erforscht wurde. Im Folgenden wird auf Basis von Studien, die sich mit dem deutschen System befassen, differenziert, warum sich die Nutzung von Kitas unter­scheidet. 2 Grundsätzlich kann hierbei zwischen Gründen auf der Angebotsseite und solchen auf der Nachfrageseite unter­schieden werden. Gründe auf der Angebotsseite umfassen insbesondere das Angebot an Kita-Plätzen an sich sowie deren Erreich­barkeit, Öffnungszeiten, Kosten und Qualität. Außerdem sind auf der Angebotsseite auch Auswahlentscheidungen der Kita-Leitungen, Träger und der Jugendhilfe bei der Platzvergabe zu verorten. Da sich erhebliche Nutzungs­unterschiede beobachten lassen, die nicht auf Unterschiede in den Bedarfen zurückzuführen sind, kann vermutet wer­den, dass Träger oder Einrichtungen implizit oder explizit 2 Auch in internationalen Studien werden die Gründe für Nutzungsunterschiede erfasst. Auf Basis der Daten des European Union Labour Force Survey(EU-LFS) untersuchen beispielsweise Pavolini und van Lancker(2018) die Gründe für Nutzungsunterschiede sowohl auf der Angebots­als auch auf der Nachfrageseite. Die Autoren schlussfolgern, dass strukturelle Einschränkungen im Platzangebot entscheidender für die Erklä­rung von Nutzungsunterschieden sind als soziale Normen oder Einstellungen der Eltern bezüglich einer Kita-Betreuung. Carbuccia et al.(2022) erstellen in ihrer Studie eine eigene Klassifizierung der Gründe für Unterschiede in der Kita-Nutzung. Sie gruppieren diese nach kognitiven, verhaltensbezogenen und strukturellen Faktoren. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 9