Sammelwerk 
Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung : Porträts - Debatten - Motive
Entstehung
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44 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 18 Die innerparteiliche Spaltung der Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg und ihre jüdischen Akteure 1916–1922 Yuval Rubovitch Zwölf Reichstagsabgeordnete jüdischer Abstammung zählten am 4. August 1914 zur SPD-Fraktion, als diese einstimmig für die Bewilligung der Kriegskredite ab­stimmte.»Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich«, erklärte der Parteivorsitzende Hugo Haase, selbst jüdischer Abstammung, den ersten Schritt seiner Partei im Rahmen der»Burgfriedenspolitik« der Kriegs­jahre, obwohl eine Unterstützung des Krieges eigentlich nicht seinem Willen ent­sprach. 1 Haase war einer von vierzehn SPD-Abgeordneten, die noch bei der Fraktionssit­zung am Tag zuvor die Kriegskredite ablehnten, später jedoch dem Parteibeschluss folgten. Neben Haase stimmte intern auch der jüdische Abgeordnete Joseph Herz­feld gegen die Kriegskredite. Den zwei Kriegsgegnern der ersten Stunden schlos­sen sich bald weitere an: Im März 1915 stimmten schon fünf jüdische SPD-­Abgeordnete in der Fraktionssitzung gegen die Kredite, darunter Eduard Bernstein. Sieben waren es im Dezember 1915, die im Reichstagsplenum ihre Stimme gegen die Kriegskredite abgegeben haben oder der Abstimmung fernblieben. 2 In dieser Haltung veröffentlichten Haase und Bernstein gemeinsam mit Karl Kautsky am 19. Juni 1915 das»Gebot der Stunde«, ein Artikel in der Leipziger Volkszeitung, der zu diesem Zeitpunkt zum wichtigsten politischen Text aus Deutschland ge­gen den Ersten Weltkrieg avancierte. 3 Walter Theimer, Geschichte des Sozialismus, Tübingen 1988, S. 128. Susanne Miller/Heinrich Potthoff, Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentati­on 1848–1990, Bonn 1990, S. 76 ff. vgl. auch Yuval Rubovitch, Marxismus, Revisionismus, Zionismus. Eduard Bernstein, Karl Kautsky und die Frage der jüdischen Nationalität, Berlin/Leipzig 2021, S. 60 ff. und S. 194 f.