Sammelwerk 
Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung : Porträts - Debatten - Motive
Entstehung
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Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung| Porträts Debatten Motive 153 Antisemitismus im antifaschistischen Arbeiterstaat Julius Övermeyer »Die DDR() hat von ihrer ersten Stunde an immer mit einer Lüge gelebt. Sie erfand sich eine Geschichte, die nie stattgefunden hatte ihre Ahnherren seien die deutschen Antifaschisten.() Von zehntausend Antifaschisten, die es in Nazideutschland gege ­ben haben mag, lebten allein acht Millionen in der DDR«. 1 Der Gründungsmythos der DDR So beschrieb der jüdische Schriftsteller und DDR-Dissident Jurek Becker in ­einem 1994 in der»Zeit« erschienen Artikel den Gründungsmythos des antifaschisti­schen Staates. Die SED-Führung sah die Schuld an den durch die Nationalsozia­listen verübten Gräueltaten nicht beim deutschen Volk. 2 Sie folgte dabei bis zum Ende ihres Bestehens der Faschismusdefinition des Generalsekretärs der Komin­tern Georgi Dimitroff von 1933, 3 welche den Faschismus als»offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« beschrieb. 4 Bürgerliche Demokratie auf der einen Seite und Faschismus auf der anderen sind demnach zwei verschiedene Ausprä­gungen des Kapitalismus. Ist das kapitalistische System in einer bürgerlichen De­mokratie bedroht, etwa durch eine Revolution oder Finanzkrise, installiere eine kleine Elite, die sogenannten»Finanzkapitalisten« ein faschistisches Marionet­tenregime, dessen oberstes Ziel es sei, die Arbeiterklasse zu unterdrücken. 5 In dieser Definition stecken zwei Annahmen, die von der SED-Führung genutzt wurden, um ihre antikosmopolitische und antizionistische Kampagne theoretisch zu legitimieren und sich der Wiedergutmachung an den Jüdinnen und Juden zu Jurek Becker, Mein Vater, die Deutschen und ich, in: Die Zeit, Nr. 21 vom 20.5.1994. Walter Ulbricht, Die Legende vom»Deutschen Sozialismus«, Ostberlin 1946, S. 89. Thomas Haury, Der Marxismus-Leninismus und der Antisemitismus, in: Andreas H. Apelt/ Maria Hufenreuter(Hrsg.), Antisemitismus in der DDR und die Folgen, Halle 2016, S. 11–33, hier: S. 27. O.A., Protokoll des XIII. Plenum des EKKI, Dezember 1933, Moskau-Leningrad 1934, S. 277. Georgi Dimitroff, Arbeiterklasse und Faschismus, in: Reinhard Kühnl(Hrsg.), Texte zur Fa­schismusdiskussion I. Positionen und Kontroversen, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 57–62.