Sammelwerk 
Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung : Porträts - Debatten - Motive
Entstehung
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146 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 18 Toni Sender Jüdin, Gewerkschafterin und ­Sozialdemokratin Gisela Notz »Nach den Septemberwahlen begann die deutsche Tragödie«, schrieb Toni ­Sender in ihrer Autobiografie. 1 Nach der Wahl vom 14. September 1930 war die NSDAP unerwartet als zweitstärkste Kraft in den Reichstag eingezogen. Toni Sender war zwischen 1920 und 1933 Reichstagsabgeordnete. Mit dem Anstieg der Mandate der Nazis, die auch Senders Reichstagsreden und die Reden in ihrem Wahlkreis zu stören begannen, wurde die Arbeit der sozialdemokratischen Fraktion immer schwieriger. Auf Toni Sender hatten sie es besonders abgesehen, denn sie war Frau, Jüdin und Sozialdemokratin. Nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Name auf einer Todesliste stand, verließ sie am 5. März 1933 Deutschland und flüchte­te über verschiedene Zwischenstationen ins amerikanische Exil, wo sie ihre po­litische Arbeit fortsetzte. Kindheit und Emanzipation vom Elternhaus Sidonie Zippora Sender(1888–1964), genannt Toni, stammte aus einer wohlhaben­den orthodox-jüdischen Familie aus Biebrich am Rhein. Ihr Vater Moses ender, zu Beginn des 20. Jahrhunderts Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Biebrich, verlangte von den Kindern strengste Disziplin und absoluten Gehorsam. Das missfiel ihr, sie wollte weg von Biebrich und sich von ihrem Elternhaus lösen. Be­reits als Dreizehnjährige brach sie die jüdische Töchterschule ab, verließ ihr El­ternhaus, ging nach Frankfurt am Main und besuchte dort die Handelsschule für Mädchen. Es war ihr erster Schritt zur Emanzipation, weitere sollten folgen.»Wenn ich mich angepasst hätte, wäre ich in einem warmen, freundlichen Haushalt in Biebrich geborgen gewesen. Aber besser allein in die Irre gehen als immer ­geführt, beschützt und herumkommandiert zu werden«, 2 schrieb sie später. Sie wollte so bald wie möglich ökonomisch und damit auch geistig unabhängig und in ihrer Toni Sender, Autobiographie einer deutschen Rebellin, Frankfurt am Main 1981, S. 248. S. 29.