Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung| Porträts – Debatten – Motive 63 Die Sozialdemokratie als jüdischer Emanzipationsraum Christian Dietrich Es wird»nichts anderes möglich sein, als uns an die Sozialdemokratie zu halten, denn die anderen Parteien lassen sich nicht mobilisieren«. 1 Samo Winter, Vorsitzender der Fischacher Ortsgruppe des»Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens«(C.V.), schrieb im April 1928 mit einem ernsten Anliegen an den C.V.-Vorstand nach Berlin. Der 1893 gegründete Centralverein, mit über 60.000 Mitgliedern die größte jüdische Abwehrorganisation gegen den Antisemitismus, verhielt sich offiziell politisch neutral. Aber zwischen politischer Neutralität und den politischen Verhältnissen vor Ort existierte ein Widerspruch, den Winter explizit herausstellen wollte: Anders als die Bayerische Volkspartei wären die Sozialdemokraten in der Vergangenheit bei völkischen Provokationen in Fischach eingeschritten und hätten dadurch antisemitische Unruhen verhindert. Die Antwort des Vorstandes war eindeutig. Man pflege gute Kontakte zu allen Parteien, die sich gegen den Judenhass aussprechen, und wolle kein bevorzugtes Verhältnis mit der Sozialdemokratie eingehen. Auf den zweiten Blick wird eine besondere Nähe von Sozialdemokratie und Centralverein dennoch deutlich. Zwei weitere Beispiele aus der Provinz belegen das von Samo Winter skizzierte sozialdemokratische Engagement. So fragte die C.V.-Ortsgruppe Rostock vor den Landtagswahlen vom 22. Mai 1927 bei der für sie zuständigen Führung in Hamburg-Altona an, ob die Beiträge der hiesigen Mitglieder einbehalten und zur Unterstützung der linksgerichteten Parteien ausgegeben werden könnten. 2 Offenbar hatten die Rostocker ähnliche Erfahrungen gemacht wie der Vorsitzende der Tilsiter C.V.-Ortsgruppe Leo Wilk. Wilk teilte dem C.V.-Vorstand im September HM 2/8720.1247, Blatt 26–28, hier: Blatt 27, Schreiben Samo Winters an den Central-Verein Berlin; Fischach, den 1. April 1928. CAHJP HM2/8719.1186, Blatt 182, Schreiben der Ortsgruppe Hamburg-Altona des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an den Central-Verein, Berlin betreffend die Ortsgruppe Rostock; Hamburg, den 9. Mai 1927.
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Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung : Porträts - Debatten - Motive
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