84 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 18 Antisemitismus auf Anfrage – Die»Ostjudendebatte« des preußischen Landtages im November 1922 Ralf Hoffrogge Parlamentarische Anfragen sind ein Werkzeug der Opposition, um die Regierung zu kontrollieren. Doch was, wenn die Anfrage zum Mittel wird, um menschenfeindliche Ideologien aus der Tabuzone zu holen? Dieses Problem stellte sich bereits vor knapp hundert Jahren, als die demokratischen Parteien der Weimarer Republik sich im Preußischen Landtag mit einer Anfrage der Deutschnationalen Volkspartei bezüglich»Ostjuden«, also jüdischen Einwanderern aus Osteuropa, auseinandersetzen mussten. 1 Widerstand gegen den darin verpackten Antisemitismus kam vor allem von den Arbeiterparteien. Die Ostjudendebatte Der Preußische Landtag war nach dem Reichstag die wichtigste parlamentarische Bühne des Landes. Preußen war der größte Teilstaat der Republik, hier gemachte Gesetze galten für die Mehrheit der Bevölkerung. Dementsprechend wichtig waren auch die dortigen Anfragen und Debatten. 2 Dies nutzte die Deutschnationale Volkspartei(DNVP) am 29. November 1922 mit einer Anfrage ihres Abgeordneten Martin Kaehler, Professor für Nationalökonomie in Greifswald. Kaehler kritisierte die Zuwanderung von»Ostjuden« nach Deutschland, weil deren Mehrheit»schwerlich als Arbeiter[ihr] Brot« suche. Kaehler erklärte die Einwanderung für»in höchste[m] Grade unerwünscht« und fragte die Regierung:»Welche Essay basiert auf folgendem Aufsatz: Ralf Hoffrogge, Ein Tag im Leben der Weimarer Republik – die»Ostjudendebatte« des Preußischen Landtages von 1922, in: Anja Jungfer/Markus B örner/ Jakob Stürmann(Hrsg.), Judentum und Arbeiterbewegung. Das Ringen um Emanzipation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin 2018, S. 297–318. Zur Ostjudendebatte 1922 vgl. auch Ralf Hoffrogge, Werner Scholem. Eine politische Biographie(1895–1940), Konstanz u. a. 2014, S. 206–217; sowie Birgit Rolke, Jüdische Abgeordnete im Preußischen Landtag 1919–1928. Jüdisches Selbstverständnis und preußische Politik, Berlin 1998, S. 50–65. Horst Möller, Parlamentarismus in Preußen. 1919–1932, Düsseldorf 1985.
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Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung : Porträts - Debatten - Motive
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