Sammelwerk 
Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung : Porträts - Debatten - Motive
Entstehung
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Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung| Porträts Debatten Motive 125 Fritz Lamm Sozialismus als Heimat Maria Daldrup Es sind gerade die biografischen Annäherungen, die einen spannenden Zugang zur Arbeiterbewegung, ihren zugehörigen Jugendbewegungen und den Verflech­tungen zum jüdischen Leben bieten. Der am 30. Juni 1911 geborene Fritz Lamm (1911–1977) ist so ein Beispiel. Arbeiterbewegung und Sozialismus boten ihm, dem Sohn einer bürgerlich-jüdischen Familie und bekennenden Atheisten, eine selbstgewählte Heimat, Identifikationsfläche und zugleich einen ideellen Rück­halt für das ganze Leben. Aus dem Exil schrieb er 1946: »Meine Heimat ist die Arbeiterbewegung und meine geistige Heimat, sozusagen der Himmel über dieser kahlgewordenen Erde, ist der Sozialismus.() Ich habe diese Heimat auch erst gefunden, als ich schon 18 Jahre alt war. Aber seitdem bin ich ihr so treu geblieben, wie ich nur konnte«. 1 Vom Bürgersohn zum sozialistischen Kämpfer Aufgewachsen in Stettin zog es den Kaufmannssohn zunächst 1920, mit knapp neun Jahren, zum Wanderbund»Kameraden«, der 1916 als liberaler und antizio­nistischer jüdischer Jugendbund gegründet wurde. Zehn Jahre gehörte er den »Kameraden« an, zwischen 1927 und 1929 auch als leitendes, obgleich unange­passtes und polarisierendes Mitglied. Die Kollektivierung des Einzelnen über All­tagspraktiken wie die Gruppenstunde oder das Zeltlager, innerhalb derer wesent­liche Grundwerte in der Gemeinschaft vermittelt wurden, nahm einen enormen Einfluss auf das Selbstbild des jungen Fritz Lamm. Zugleich bot der Wanderbund einen Raum, um sich selbst aktiv und gestalterisch in die Gesellschaft einzubrin­gen. Sein jüdischer Glauben, von dem er sich immer weiter distanzierte, während ihn Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zunehmend hierüber identifizierten und diskriminierten, wurde sukzessive durch die Hinwendung zum Sozialismus und zur Arbeiterbewegung überlagert und verdrängt. Heinrich Schwing(Hrsg.), Habana New York Habana. Briefe aus Exilen. Fritz Lamm Vera B., Stuttgart 1983, S. 38.