Die Vor- und die Nachmittagsgestaltung erfolgen additiv und sind voneinander unabhängig. Da die Teilnahme am Ganztag freiwillig ist, wird hier auch oft von der sogenannten Wahlform gesprochen(MKJS BW, 2024). Wird eine Differenzierung nach Zeitstruktur vorgenommen, so kann an die genannten Formen der KMK angeschlossen werden. Es wird hier zwischen additiven und integrierten Modellen unterschieden(Holtappels, 2014; Dollinger, 2014, S. 23): → Bei additiven Modellen werden die pädagogischen Modelle nach der regulären Unterrichtszeit angeboten, die von den Schüler*innen freiwillig besucht werden können. Diese knüpfen an das Organisationsmodell der offenen Ganztagsschule an. → Bei integrierten Modellen sind Vor- und Nachmittag eng verzahnt und werden ganzheitlich betrachtet. Es wechseln sich Phasen von Unterricht und Freizeit, An- und Entspannung ab, was in der gebundenen Form des Ganztags möglich ist. 2.2 Bildungsgerechtigkeit 2.2.1 Bildungs- und Chancengerechtigkeit – Begriffliche Annäherung Der Fachbegriff ,Bildungsgerechtigkeit‘ ist ein komplexes und mehrdimensionales Konzept, das in der wissenschaft lichen Literatur unterschiedlich definiert wird(Brezinka, 1992; Fend, 2008). Im Kern zielt Bildungsgerechtigkeit dar auf ab, allen Menschen unabhängig von ihrer sozialen, kulturellen, ethnischen oder ökonomischen Herkunft sowie religiöser oder politischer Anschauung gleiche Chancen auf Zugang, Teilnahme und Erfolg im Bildungssystem zu ermöglichen(Hurrelmann& Albrecht, 2014). Dabei betont Chancengerechtigkeit vor allem den Zugang zu Bildung und die Beseitigung struktureller Barrieren, die bestimmte Gruppen benachteiligen. Dies umfasst beispielsweise den Abbau von Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sozialer Herkunft oder Behinderung(Fend, 2008). Der Fokus liegt somit auf der Herstellung von Gleichheit der Ausgangsbedingungen für alle Schüler*innen. Mit Bildungsgerechtigkeit wird auch die Verteilungsgerechtigkeit und Ergebnisgleichheit in den Blick genommen, da das Konzept über den Zugang hinaus geht und danach fragt, ob alle Lernenden ähnliche Ergebnisse erzielen können, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihren individuellen Voraussetzungen(Solga& Dombrowski, 2009). Ein wei terer zentraler Aspekt ist die Teilhabegerechtigkeit, die sich mit der aktiven Partizipation und Inklusion aller Lernenden an Bildungsprozessen befasst. Hierbei wird ein inklusiver Ansatz verfolgt, der sicherstellt, dass benachteiligte Gruppen wie Kinder mit Migrationshintergrund oder Behinde rungen gleichermaßen eingebunden werden(Klemm, 2015). Bildungsgerechtigkeit wird auch als Menschenrecht verstanden, wie es in internationalen Abkommen wie der UNESCO-Bildungsagenda 2030 hervorgehoben wird. Die Verwirklichung von Bildungsgerechtigkeit ist demnach nicht nur eine nationale, sondern gleichsam eine globale Aufgabe. Im Kontext von Ganztagsschulen bietet sich ein besonde res Potenzial, diese verschiedenen Dimensionen von Bildungsgerechtigkeit umzusetzen, da sie durch ihre Struktur und Angebote die Möglichkeit haben, nicht nur den Zugang zu erweitern, sondern auch die Teilhabe der Kinder und Jugendlichen zu verbessern, indem die Ergebnisse von Bildung gesteigert werden. Bildungsgerechtigkeit wird in dieser Studie als die Herstellung von Chancengleichheit im Bildungssystem verstanden. Dies bedeutet, dass Zugang, Teilnahme und Erfolg von Bildungsprozessen unabhängig von sozialen, kulturellen oder wirtschaftlichen Hintergründen sichergestellt werden. In der vorliegenden Studie wird der Fokus entsprechend auf die Dimensionen Chancengleichheit, Teilhabe, Förderung und Ergebnisse gelegt und die Wahrnehmung von Lehrpersonen und pädagogischen Fachkräften hinsichtlich dieser Dimensionen in den Blick genommen. Empirisch wird Bildungsgerechtigkeit durch die Analyse von Indikatoren wie Einschulungsquoten, Teilhabe an Bildungsangeboten, Lernergebnisse und Übergangsquoten in weiterführende Bildungswege erfasst. Diese Definition ermöglicht es, die Auswirkungen konkreter Maßnahmen auf die unterschiedlichen Dimensionen der Bildungsgerechtigkeit systematisch zu bewerten. Während die Definition von Bildungsgerechtigkeit die normative Grundlage für ein chancengleiches bzw. chancengerechteres Bildungssystem liefert, zeigt die Realität des deutschen Bildungssystems eine deutliche Abweichung von diesem Ideal(vgl. Becker& Lauterbach, 2016). Insbesondere strukturelle Ungleichheiten, die soziale Herkunft und Bildungserfolg miteinander verknüpfen, verdeutlichen, wie weitreichend die Herausforderungen sind. Diese Diskrepanz wird im Folgenden durch die Analyse zentraler Diskurslinien wie soziale Disparitäten, frühe Selektion und ungleiche Ressourcenverteilung beleuchtet. 2.2.2 Diskussionslinien im Diskurs um Bildungsgerechtigkeit Das deutsche Bildungssystem wird international häufig für seine strukturellen Ungleichheiten kritisiert, die Bildungserfolge eng mit der sozialen Herkunft verknüpfen(Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2024; OECD, 2022). Die ser Diskurs um Bildungsungerechtigkeit prägt zentrale Diskussionen und Konzepte wie soziale Disparitäten, frühe Selektion und ungleiche Ressourcenverteilung, weshalb es geboten erscheint, diese im Folgenden aufzugreifen. Soziale Disparitäten: Kinder aus sozioökonomisch benach teiligten Familien, mit Migrationshintergrund oder besonGanztag und Bildungsgerechtigkeit 7
Druckschrift
Ganztag und Bildungsgerechtigkeit : Ganztag und dessen Auswirkungen auf Bildungsgerchtigkeit aus der Perspektive von beteiligten Akteuren (GanzBiG) : eine explorative Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung
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