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Ganztag und Bildungsgerechtigkeit : Ganztag und dessen Auswirkungen auf Bildungsgerchtigkeit aus der Perspektive von beteiligten Akteuren (GanzBiG) : eine explorative Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung
Entstehung
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tigkeit in Baden-Württemberg in den beiden untersuchten Regionen. Ziel des Forschungsberichts ist es, zentrale Er­kenntnisse aus der Praxis abzuleiten. Darauf aufbauend werden konkrete Handlungsempfehlungen für verschiedene Akteursgruppen formuliert, die auf prägnanten Aussagen aus den Interviews basieren und gezielt Impulse zur Ver­besserung von Qualität und Wirkung des Ganztags setzen sollen. 4. Ergebnisse 4.1 Ausgestaltung der Ganztagsangebote aus der Perspektive der pädagogischen Fachkräfte und deren Auswirkungen auf Bildungsgerechtigkeit Die pädagogischen Fachkräfte der untersuchten Schulen hoben die Bedeutung vielfältiger Ganztagsangebote für die Förderung von Bildungsgerechtigkeit hervor. Dazu gehören sowohl verpflichtende Lernzeiten als auch freiwillige Ar­beitsgemeinschaften(AGs), die soziale, kreative und sport­liche Kompetenzen gezielt ansprechen. Der Ganztag er ­möglicht es Kindern, Zugang zu Themen und alltagsprakti ­schen Fähigkeiten zu erhalten, die ihnen außerhalb der Schule oft nicht oder nur schwer zugänglich sind. Die Be­deutung dieser Angebote verdeutlicht eine Lehrkraft mit folgendem Beispiel:Aber ich weiß, dass wenn die Kinder nicht hier bei uns im Gitarrenunterricht oder im Jujutsu wären, dann würden die zu Hause sitzen, vorm Fernseher und die würden auch nicht rausgehen(Banksy-Schule, 2024, S. 9). Um diesem Risiko entgegenzuwirken, setzen die Schulen auf Maßnahmen zur individuellen Förderung, die insbesondere Kinder aus vulnerablen Gruppen einbezie ­hen. Zudem wird die schulklassenübergreifende Durchmi­schung als wichtiger Aspekt betont, da sie soziale Integra­tion fördert, Inklusion unterstützt und den Austausch zwi­schen unterschiedlichen Schülergruppen stärkt. Trotz des hohen Engagements der Fachkräfte wurden strukturelle Herausforderungen thematisiert, die die Wir­kung der Angebote einschränken. Eine zentrale Schwierig­keit besteht darin, dass Motivation und Einsatz allein nicht ausreichen, um bestehende Probleme zu bewältigen:Die Bereitschaft ist sehr hoch, aber wir kommen an unsere Grenzen und können durch hohe Bereitschaft und hohe Motivation das alles nicht lösen, wenn wir nicht zusätzlich unterstützt werden. Und meiner Meinung nach könnte diese Unterstützung noch wesentlich mehr sein, weil es wird immer gesprochen, Ganztag dies und Ganztag das[]. (Fontaine-Schule, 2024, S. 16). Diese Rahmenbedingungen begrenzen die Umsetzung von Bildungsgerechtigkeit und erfordern eine kontinuierliche Anpassung sowie zusätzliche Ressourcen. 4.1.1 Unterschiedliche Modelle von Ganztag Ein zentraler Punkt der Interviews war die Diskussion über die Unterschiede zwischen gebundenen und offenen Ganz­tagsmodellen. Während gebundene Systeme durch Ver­bindlichkeit und eine klar strukturierte Rhythmisierung ge­kennzeichnet sind, bieten offene Modelle aus Sicht der Be­fragten mehr Flexibilität und Wahlfreiheit für die Eltern. Besonders häufig wurden teilgebundene Systeme themati­siert, die eine Mischform dieser beiden Ansätze darstellen. Diese werden vielfach alsBikini-Modell beschrieben, da sieteils gebunden und teils offen, also[] morgens das eine, nachmittags das andere(Cassatta, 2024, S. 12) kom ­binieren. Diese Mischform integriert sowohl verpflichtende als auch freiwillige Elemente, stellt jedoch besondere An ­forderungen an die Organisation und Abstimmung zwi­schen Schule und Ganztag. Das Modell der Banksy-Schule folgt diesem teilgebunde­nen Ansatz:[] das heißt, die Kinder beziehungsweise die Eltern haben immer noch die Wahl,[] die Schule halbtags zu besuchen sozusagen, wir haben Halbtageskinder und Ganztageskinder.(Banksy-Schule, 2024, S. 2) Dieser flexib ­le Rahmen wird als Chance gesehen, um besser auf die un­terschiedlichen Bedürfnisse der Familien einzugehen und somit Bildungsgerechtigkeit zu fördern. Gleichzeitig wur­den jedoch auch die Vorteile gebundener Modelle betont. Diese ermöglichen eine verlässlichere Planung und stellen sicher, dass alle Kinder die gleichen Chancen erhalten. Al ­lerdings wird auch darauf hingewiesen, dass ein zu starker Ausbau gebundener Modelle Widerstand hervorrufen könn­te:[] wenn sich zu viele Schulen zu gebundenen Ganz­tagsschulen entwickeln würden, weil ich dann einen Abwehr­mechanismus der Eltern produziere, obwohl in diesen Schu­len ganz tolle Arbeit geleistet wird.(Caravaggio-Schule, 2024, S. 8). Gleichzeitig gibt es kritische Stimmen, die insbesondere die Belastung jüngerer Schüler*innen in den Blick nehmen. Die Entwicklung und die Bedürfnisse der Kinder seien unter ­schiedlich, weshalb eine einheitliche Struktur nicht für alle geeignet sei: Erstklässler sind anders als Viertklässler. Und es hängt wirklich stark davon ab, auch wie die Kinder jetzt gerade gefordert sind oder nicht oder was sie für Bedürfnisse haben. Die ändern sich ja auch.(Fontaine-Schule, 2024, S. 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.